Aus dem HdF-Universum

Künstlerpech

©1985 by Stayka deyAvemta

Letzte Änderung: 2002/02/26


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"Schwesterherz, gib mir doch mal bitte einen Tip, was ich heute abend zu der Party anziehen soll!" Sayéstra streckte sich wohlig in ihrem silbrigvioletten Färbebad aus, wobei sie peinlich darauf bedacht ist, ihre hochgesteckte, rotgolden getönte Mähne nicht zu verfärben.

"Laß mal sehen -- wie siehst du denn gerade aus?" Vanváya steckt ihren orangeroten Schopf durch den flimmernden Energievorhang, der das Bad vom übrigen Teil der Wohnung abtrennt.

"Ah, noch immer im Metallic-Look", kommentiert sie den Anblick ihres Zwillings. Üblicherweise wären Haut- und Haarfarbe bei allen Bewohnern des Planeten Bator VIII/Fezea reinweiß, doch auf der Fezea, die einst eine Künstlerkolonie des Alten Volkes der Veriní war, gilt der Anblick eines ungefärbten Menschen -- bis auf wenige Aufnahmen -- als aäußerst unschicklich.

"Wie wäre es denn mit deiner neuen Silberrobe", schlägt Vanváya vor. Sie trägt bereits ihre Party-Bekleidung, die -- wie üblich -- ausgesprochen revolutionär ist: ein flammenfarbener Overall! Normalerweise trägt kein Fezeaner, ob männlich oder weiblich, ein Kleidungsstück mit langen Hosen. Lediglich Vanváya ist die ewige Ausnahme -- aber was soll man bei der einen Hälfte der 'wilden Zwillinge' anderes erwarten?

"Holst du mir das Kleidchen bitte?"

Vanváya macht ein zustimmendes Geräusch und erscheint kurz darauf mit einem wallenden Gewand über dem Arm. "Hier bitte!"

"Ich danke dir." Sayéstra steigt aus der Wanne und erstrahlt in schimmerndem Violett.

"Was meinst du, Van, ob die Fête heute mal interessanter wird?"

"Was weiß ich? Momentan ist auf der Fezea ja nicht viel los. -- Und das im Monat der Inspiration!"

"Wie recht du hast." Sayéstra gähnt ungeniert. "Wir sollten uns mal wieder etwas einfallen lassen."

"Jaja... -- Wer kommt denn eigentlich noch alles?"

"Ich denke, Hályos wird auf jeden Fall kommen..."

"Ach, deshalb bist du wieder in Metall...! Hal sieht sicherlich immer noch aus wie eine Bronzestatue, nicht wahr?"

Sayéstra schüttelt den Kopf.

"Nein, als ich ihn heute früh sah, schillerte er türkis oder hellblau -- auf alle Fälle etwas in dieser Richtung."

Mittlerweile ist sie voll angekleidet und bemüht sich, ihre hüftlange, dichte Haarflut unter Kontrolle zu bringen.

"Soll ich dir helfen, Say?"

"M-mh", winkt sie ab. "Es geht schon."

"Beeil dich doch ein bißchen", drängelt Vanváya. "Wir sind schon spät dran!"

"Bei der Imayna, wir sind noch nie pünktlich gekommen! Warum sollen wir also ausgrechnet heute mit unseren Gewohnheiten brechen?"

"Auch richtig..."

* * *

Irgendwann gelingt es ihnen dennoch, sich aufzuraffen, um der Party beizuwohnen. Die orangegelbe Sonne Bator steht bereits tief über dem Horizont und vergoldet die hellgrauen Wolken im weißblauen Firmament. Noch wirkt der Trümmerring um die Fezea wie ein blasses Band am Himmel, doch in der Nacht wird er zum diamantfunkelnden Diadem in der Dunkelheit des Alls.

Der Schweber der Zwillinge parkt auf einem Landefeld neben der tiefblauen lumineszierenden Kuppel des Festsaales. Im Zentrum des Gebäudes herrscht Schwerelosigkeit, was von den Freiflug-Tänzern weidlich genutzt wird. Sayéstra sichert den Gleiter, und die Schwestern betreten die Kuppel.

Sie blicken sich suchend um, dann deutet Vanváya auf einen der rauchquarzfarbenen Schwebetische, an dem bereits zwei junge Männer sitzen.

"Da sind Hályos und Lúthian!"

Ersterer -- tatsächlich mit metallictürkis gefärbter Haut und silbrig violetten, schulterlangen Haaren -- steht auf, und bietet seiner Freundin Sayéstra galant eine Sitzschale an. Er trägt die momentan topmodische knielange Tunika und einen bodenlangen, silbernen Umhang, den er umständlich ordnet, bevor er wieder Platz nimmt. Lúthian, der Jüngste in Sayéstras Clique, nippt an einem hohen Glas mit einer amethystfarbigen Flüssigkeit. In seinem bodenlangen, weißen Gewand, das einen aparten Kontrast zu seinem metallicschwarzen Teint bildet, wirkt er wie ein Engelchen -- ein Eindruck der durch seine hüftlangen, silbrig schimmernden Locken noch verstärkt wird.

"Hi!" begrüßt er sie mit einem lässigen Grinsen. Vanváya mustert ihn kritisch.

"Nanü, wo hast du denn deine Lichtharfe gelassen, Lú?"

Der Jung-Musiker verzieht schmollend den Mund.

"Die wollten mich nicht mit dem Instrument hier reinlassen..."

Die anderen grinsten ihn an. Seine Vorliebe, überall herumzududeln hat sich anscheinend schon herumgesprochen.

"Kommt Athon eigentlich noch?" erkundigt sich der feuerfarbene Zwilling. Hályos breite unschlüssig die Arme aus.

"Mir hat er nichts gesagt."

Sayéstra kichert mit einem belustigten Blick auf Lúthian los.

"Gib's zu, Lú, du bist ihm beim Unterricht so sehr auf die Nerven gegangen, daß er dich heute abend nicht noch einmal ertragen konnte..."

"Er hat mich ja als Maler-Elèven angenommen...! -- Es ist also alles seine eigene Schuld..."

"Uuh, ich finde es langweilig hier", beschwert sich Sayéstra. "Warum hat denn keiner mal eine sensationelle Idee? Wir brauchten mal wieder ein echtes Großkunstwerk, oder sowas..."

Übermütig springt Lúthian auf und macht eine ausladende Handbewegung. "Hey, ein Großprojekt willst du, Sayéstra? Malen wir doch einfach ganz Fezea an!"

Die blickt ihn entgeistert an. "Lúthian, das ist es!"

"Hä?! Was ist was?" fragt Hályos seine Gefährtin.

"Na, unser Großprojekt! Wo steckt bloß Athon? Schließlich ist er doch unser Gaschromatist..."

"Sicherlich ist er Luftmaler -- aber weshalb?"

Gaschromatistik ist eine Aktionskunst, bei der der Maler kurzlebige, farbige Gasgebilde schafft. Der Grundstoff der Luftmalerei ist eine farblich variierende chemische Verbindung namens Méovan, die für Mensch, Tier & Pflanze völlig ungefährlich ist.

"Leute, warum sollten wir nicht mal Luftmalerei in wirklich großem Maßstab durchführen?"

"Say, auch wenn du hauptberuflich Projektleiterin für Großkunstwerke bist -- was willst du denn mit viel Luftkunst?" Hályos schüttelt verständnislos den Kopf.

"Na, genau as Lú vorschlug: die Fezea einfärben!"

"Ah, ich war mal wieder gut, was?" Lúthian wirft sich in die Brust. Hályos macht eine bezeichnende Handbewegung. "Tok tok tok...!" kommentiert er trocken.

"Gruß euch, Freunde." Ein blaßvioletter Mann mit blauschwarzen, kurzen Locken und türkisblauer Chlamys tritt an den Tisch und organisiert sich eine weitere Sitzschale.

"Ah, Athon!" wird er vielstimmig begrüßt.

"Was tuschelt ihr denn so geheimnisvoll herum? Ich dachte, ihr seid zum Tanzen hier... Oder habt ihr wieder etwas ausgeheckt?"

Lúthian grinst ihn über alle vier Backen an.

"Ich will die Fezea kolorieren, und Sayéstra wird das Projekt organisieren..."

"Oh." macht Athon fassungslos. "Und wie?"

"Ja", plaudert Sayéstra, "da sollst du uns beraten..."

"Ich?" Athon reißt geschockt seine dunkelvioletten Augen auf.

"Na, wer denn sonst? Du bist in unserer Clique der einzige, der vernünftig mit Méovan umgehen kann. Lú ist ja noch Elève..."

Hal stützt ungäubig den Kopf auf der Tischplatte auf, wobei er beinahe Sayéstras irisierenden Crashing Rainbow-Likör umgeworfen hätte.

"Say... Du hast das doch nicht etwa wirklich vor?

"Ja, warum denn nicht? Wir machen ine Eingabe beim Haus des Rates und warten ab, was Unsere Schlafende Herrin dazu sagt."

"Die Imanya wird dich für verrückt erklären!"

"Ah, Hályos, charmant wie eh und jeh..." sagt Vanváya trocken.

"Die Imayna hat noch immer weise entschieden. Bei einer Angelegenheit, die den ganzen Planeten betrifft, wird Unsere Schlafende Herrin vermutlich direkt eine Gesamtumfrage starten."

"Mhm", stimmt Say ihrer Schwester zu. "Morgen früh fliegen wir nach Tazea-Central zum Haus des Rates. Kommt ihr alle mit?"

"Was dachtest du denn?" Hal legt einen Arm um seine Freundin. "Aber jetzt tanzen wir eine Runde, hm, ma-délha?"

"Ah, gerne, Hal."

Sie begeben sich zu den Freiflug-Tänzern und schweben unter samtblau leuchtenden Kuppel herum. Auch die drei anderen verbringen so ihre Zeit.

* * *

Am nächsten Tag begeben sich die Mitglieder von Sayéstras Clique zum Nachbarkontinent Tazea, wo sich am Ufer eines Binnenmeeres das Haus des Rates befindet, in dem die Imanya der Fezea residiert. Die Gründer der Künstlerkolonie waren sich im Klaren darüber, daß ihre Nachfahren sicherlich mehr mit der Kunst als mit der Erhaltung der Kolonie beschäftigt sein würden. Daher beschlossen sie, das Wohl des Planeten in die bewährten Schaltkreise eines quasi-intelligenten Zentralcomputers zu legen. Dieser Supercomp organisiert seither alles, was die Fezeaner bei Ausübung ihrer künstlerischen Fähigkeiten stören könnte. Auch die 'Regierung' wird vom Computer gestellt, und zwar in Form einer fiktiven Person, der Imayna der Fezea. Diese Imayna fungiert als Beraterin, Schieds- und sonstige Richterin, Orakel und was der Dinge mehr sind. Alle Belange, die die gesamte Bevölkerung des Planeten betreffen, werden über das allgemeine Kommunikationssystem geleitet und per Knopfdruck von sämtlichen erreichbaren Fezeanern abgestimmt. Dabei gilt die einfache Mehrheit der Stimmen. Im Laufe der Jahrhunderte, welche die Kolonie selbstständig existierte, ist es größtenteils in Vergessenheit geraten, daß die Imayna eine einfache Projektion ist. Mittlerweile wird die geheimnisvolle Beraterin, die bereits seit Anbeginn der Kolonie immer wieder eingreift, auch als Unsere Schlafende Herrin auf dem Regenbogenthron bezeichnet und mancherorst gar als eine Art Göttin verehrt.

Die beiden Schweber von Sayéstra und Athon gehen auf dem kleinen Landefeld neben dem Haus des Rates nieder. Das Regierungsgebäude wird wenige oft besucht, als man das vielleicht vermuten sollte. Die meisten Fezeaner kümmern sich nicht um irgendwelche schwerwiegenden Beschlüsse, so lange sie ihrer Kunst nachgehen können. Nachdem die Schweber gesichert sind, steigen Say & Co. die rubinfarbenen Kristallstufen zum Haus des Rates hinauf. Lúthian bestaunt es ehrfürchtig. Bis jetzt war er noch nicht hier gewesen. Haus des Rates... Tempel wäre eine zutreffendere Bezeichnung! Anmutig schwingt sich das schneeweißschimmernde Gebäude in den hellblauen Morgenhimmel empor.

Etwa auf einem Drittel der Höhe durchzieht ein breiter Amethyststreifen das Haus. Sayéstra macht eine ungeduldige Handbewegung, da Lú immer noch wie festgewachsen auf den Stufen steht.

"Na, komm schon, Kleiner!"

"Äh, ja, ich komme..." Er reißt sich von dem faszinierenden Anblick los und stürmt durch das Marmorportal mit den kupfernen Einlegearbeiten. Als er die Höhe des Tores erreicht, flammt ein tiefblauer Blitz auf, sichtbares Anzeichen dafür, daß Lúthian einer Scanner-Prüfung unterzogen wird. Der Junge wird als einer der momentan 23 Millionen Fezeaner identifiziert, was bedeutet, daß er unbehelligt passieren darf.

Durch eine niedrige Vorhalle betreten Say und ihre Freunde den riesigen Ratssaal, dessen Wände von fünfeckigen, opalisierenden Plättchen bedeckt sind. Der Boden besteht aus sternglitzerndem, tiefschwarzen Stein, während die zeltartige Decke aus eisweißem Quarz geformt ist. Die Stirnwand des Saales wird von einem Thron aus regenbogenfarben irisierendem Kristall eingenommen, auf dem eine unwirkliche Gestalt sitzt. Allen Konventionen zum Trotz sind Haut und Haar der alterslosen Frau schneeweiß, ebenso wie ihr silbrig überhauchtes, fließendes Gewand. Fast hat es den Anschein, als würde die Imayna von innen heraus leuchten. Mit ruhigen, silbernen Augen blickt sie die Ankömmlinge gelassen an und macht eine einladenge Geste, auf die hin sich fünf Schwebesessel aus dem Boden schieben.

"Ich grüße euch, Kinder der Fezea", beginnt sie mit melodischer Stimme. "Was wünscht ihr von mir?"

Sayéstra wird einen kurzen Seitenblick auf Hályos, bevor sie sich räuspert und zu sprechen beginnt.

"Äh, wir haben eine Idee... Ist es möglich, die gesamte Atmosphäre der Fezea einzufärben..." Erts jetzt kommt es ihr richtig zu Bewußtsein, was sie da eigentlich im Sinne haben.

So entsteht eine kurze Pause, die von der hellen Stimme der Imayna unterbrochen wird.

"Mit Méovan?" erkundigt sie sich sachlich.

"Ja, Imayna." Was wird die Schlafende Herrin dazu sagen? Sie auslachen? Für verrückt erklären? Doch ihre Antwort kommt unverzüglich und völlig unbeeindruckt, als ob der Vorschlag, den ganzen Planeten zu kolorieren, etwas völlig alltägliches wäre.

"Die Durchführung des Projektes ist prinzipiell möglich. Auch wenn die benötigte Méovan-Menge beträchtlich ist, so kann sie zur Verfügung gestellt werden. Die einzige Schwierigkeit besteht in der Bereitstellung geeigneter Trägerraketen, die das Gas gleichmäßig in der Atmosphäre verteilen können."

Lúthian winkt großzügig ab.

"Och, das ist doch nun überhaupt kein Problem..."

"So?" erkundigt sich die Imayna belustigt.

"Na, gestern nachmittag war doch im Trivid der große Bericht über den Planeten Sann III/Téllus, der nach mehrhundertjähriger Zersplitterung in diverse Machtblöcke endlich zu einer Einigung gekommen ist..." Lú holt tief Luft.

"Und?"

"Na, die haben doch jetzt massenweise Interkontinentalraketen zu verschrotten... Ich glaube, die überlassen sie uns ziemlich billig. Natürlich ohne Sprengköpfe..."

"Du scheinst dich ja sehr mit diesen kriegerischen Frühzivilisationen befaßt zu haben..."

"Och, damit nerven die uns am Lehrcomputer doch dauernd!"

"Nun gut. -- Aber dein Vorschlag ist einer Prüfung wert, Lúthian."

"Dann könnte es klappen, die Fezea einzufärben?" "Sicherlich würde es funktionieren. Du darfst aber nicht vergessen, daß die restliche Bevölkerung des Planeten darüber zu bestimmen hat. ich werde euren Vorschlag gleich veröffentlichen. Dann müssen wir die Reaktion darauf abwarten." "Mh, ja sicher..."

"Daccù, habt ihr sonst noch etwas auf dem Herzen, meine Kinder?"

Ächzend erhebt sich Sayéstra aus ihrem Sessel.

"Nein", sagt sie abschließend. "Ich danke dir, Imayna."

Says Freunde folgen ihrem Beispiel und verabschieden sich von der Schlafenden Herrin, bevor sie das Haus des Rates verlassen, unter dem sich der fezeanische Zentralcomputer befindet.

* * *

Die Clique versammelt sich in der Wohnung der Zwillinge, die sich am Rande der Ansiedlung Aython auf der Großinsel Málkyon befindet. Eine echte Stadt existiert auf der Fezea nicht. Selbst die Gründungssiedlung der Kolonie, Tazea-Central, verfügt über nicht mehr als 7600 Einwohner. Die meisten Fezeaner wohnen weitverstreut über die drei Kontinente Tazea, Alyéstra und Lánathon, sowie auf Málkyon, der Lánathon vorgelagerten, großen Insel.

Aython erstreckt sich rechts und links des Flusses Málvyon, der die umliegende braun/grau/grüne Wiesenebene bewässert. Erstaunlicherweise tragen die wenigsten Blumen farbige Blüten, und insgesamt wirkt die Flora und Fauna der Fezea ausgesprochen trist.

Gerade ist Hályos damit beschäftigt, eine olivgrüne Klettenranke, die von einem Blumenkasten der Wohnzimmerdecke herunterhängt, mit orangeroter und goldener Farbe anzupinseln, als Vanváya per Fernsteuerung ein Schwebetablett mit Erfrischungen herandirigiert.

"Hályos! Du tropfst den ganzen Boden voll!" empört sie sich.

"Hm?" macht der Angesprochene und dreht sich um, wobei er den orangegefüllten Farbtiegel vom Tisch katapultiert. "Oh..."

Lúthian grinst wie üblich von einem Ohr zum anderen.

"Tropfen allein genügt ihm nicht", bemerkt er trocken.

Van verzieht säuerlich das Gesicht. "Ich habe es gesehen."

Sie ordert einen Reinigungsrobot.

"Ich glaube, das ist seine Rache dafür, daß du ihm letzte Woche seinen Moorsinger blaugestrichen hast", erklärt Sayéstra beslustigt. Ihre Schwester schiebt schmollend die Unterlippe vor.

"Ich mag nunmal keine braungrauen Vögel..."

"Ist dein Genetikprogramm immer noch nicht einsatzbereit?" erkundigt sich Athon. "Wenn du es schaffen würdest, die Tiere ordentlich genetisch umzuprogrammieren, brauchtest du doch nicht immer zu Pinsel und Farbe zu greifen..."

"Ich bin zwar Bioformerin aber keine echte Genetikerin", erinnert Van ihn. Jeder Künstler hat zwei Fachbereiche: ein rein künstlerisches und ein (meistens) naturwissenschaftliches Gebiet, das sein/ihr Kunstfach möglichst ergänzt. So ist Vanváya beispielsweise Bioformerin/Faunatristin, während Hályos sich in Flortatristik und Genetik betätigt. Faunatristik ist eine Kunstform, die sich mit der Gesatltung von Tieren beschäftigt, sowohl durch genmanupulative Tätigkeiten als auch durch rein äußerliche Veränderungen, wie etwa das Umfärben von Fell oder Federn etc.. Floratristik ist die entsprechende, auf Pflanzen bezogene Kunstform.

"Aktiviere doch mal einer das Trivid", nörgelt Lúthian.

"Immer mit der Ruhe, Kleiner", wird er von Sayéstra gebremst. Sie gibt das Akustik-Kommando für die Holoprojektion. Die fünf scharen ihre Sessel um das Hologramm in der Raummitte, sogar Hal löst sich von seiner Pflanzen-Malerei. Aus einem Farbkaleidoskop formt sich das Bild der Imayna. Say macht eine triumphierende Geste.

"Na bitte. Das nenne ich perfektes Timing!"

"Ich hätte auch keine Lust gehabt, jetzt irgendein hochklassisches Konzert vorgedudelt zu bekommen", meint Lúthian und blickt sich suchend um. "Apropos Konzert... Wo habe ich bloß meine Lichtharfe gelassen...?"

Athon sieht ihn genervt an.

"Wenn du es wagen solltest, hier und jetzt gleich deine Klampfe anzuwerfen, dann passiert ein Unglück! Ich will nämlich wissen, was die anderen zu unserer Idee sagen und nicht Hals Gejaule zu deinen hypermodernen Rhythmen hören..."

"Na gut." Lú zieht eine Schnute und flegelt sich in einem Sessel herum. Mittlerweile hat die Schlafende Herrin auf dem Regenbogenthron der fezeanischen Zuhörerschaft die Idee der Färbeaktion dargelegt und wartet auf die Abstimmung. Lúthian sprintet zum Computerterminal der Wohnung, legt seine Hand auf den Identifikaionssensor und haut auf die Taste für 'Zustimmung'. Athon schüttelt nur den Kopf.

"Die Leitung ist noch nicht freigegeben...! Du mußt dich noch ein paar Sekunden gedulden, Lú..."

"Och, schade..."

"Es gibt keinen Preis für den ersten Wähler", versichert Vanváya dem Jungen kichernd. Endlich wird der Beginn der Abstimmung angezeigt. Alles stürzt sich auf das Terminal. Einige Zeit später ist die Imayna bereits in der Lage, die Auswertung bekannt zu geben. Lächelnd blickt sie von Trivid.

"Die gesamte Wahlbeteiligung machte 56,7 Prozent aller Fezeaner aus, von denen 94,83 Prozent für das Projekt 'Gesamtkunstwerk Fezea' votierten. Ablehnend entschieden 2,66 Prozent, während der Rest sich enthielt. Damit kann das Projekt als angenommen angesehen werden. Die Organisation übernimmt die Künstlergruppe Sayéstra/Vanváya/Athon/Hályos/Lúthian, von deer die Idee stammte. Sofern Rückfragen auftauchen, bitte ich den Betreffenden, sich mit mir in Verbindung zu setzen."

Schon bei der Nennung der positiven Prozentzahlen liegen sich Say & Co. in den Armen. Als sie dann auch noch hören, daß tatsächlich sie die Organisation übernehmen sollen, kennt ihr Jubel keine Grenzen mehr. Hályos schüttelt ungläubig den Kopf.

"Wißt ihr was, Leute -- ich habe das Gefühl, wir werden erühmt!"

"Wollt ihr ein Autogramm von mir?" Lú läßt ein Zahnpastalächeln aufblitzen. Athon läßt sich wieder in seinen Sessel fallen.

"Was wir vorhaben ist Wahnsinn", stöhnt er. "Wie konnte ich nur so verrückt sein, und mich der Künstlergruppe der 'wilden Zwillinge' anschließen..."

"Weil bei uns immer etwas los ist", verkündet Vanváya strahlend. Sayéstra grinst ihn niederträchtig an.

"Sei froh, daß Lady Rainbow nicht mehr bei uns ist...!"

Crystálya -- genannt Lady Rainbow -- ist eine der exzentrischten Figuren auf dem Kübstlerplaneten -- und das will etwas heißen auf Bator VIII/Fezea. Crya läuft überall mit ihrer Sechsfarb-Sprühpistole herum, und verziert alles, was ihr vor die Düsen kommt mit Regenbogen -- seien es Menschen, Tiere, Pflanzen, gebäude oder Gesteinsformationen. Sobald irgendwo eine regenbogenfarbig gekleidete Gestalt mit himmelblauer Haut und rubinroten Haaren aufkreuzt, die mit einem breiten Silbergürtel voller Farbpatronen und einer Spritzkanone bewaffnet ist, tut man gut daran, so schnell wir möglich in Deckung zu gehen.

"Das bin ich auch -- Crys ist ja überhaupt nicht auszuhalten..."

"Welche Farbe sollen wir unserem Planeten eigentlich verpassen?" will Hályos wissen. Vanváya blickt schwärmerisch zum großen Panoramafenster des Wohnzimmers hinaus.

"Flammendes Orange...!"

Athon starrt sie schockiert an.

"Bei der Imayna! Was für eine Vorstellung... Auch wenn das deine Lieblingsfarbe ist, stell dir das einmal vor! Orange von morgens bis abends... Das wäre ja nicht auszuhalten...!"

"Und was schlägst du vor?" fragt Van leicht beleidigt.

"Zartgrün natürlich. Das beruhigt."

"Ohne mich!" erklärt Sayéstra entschieden. Lúthian grinst.

"Ich bin für poppiges Pink", wirft er ein.

Alle anderen mustern ihn indigniert. Pink...

"Was haltet ihr von Türkis?" erkundigt sich Hályos.

"Klingt schon besser", sagte Sayéstra gnädig. "Ich bin aber für helles Violett. Zyklamen oder so..."

"Und was nun?" will Hál ratlos wissen.

"Wir würfeln!" schlägt Lúthian mit großartiger Gebärde vor und zieht einen hellblauen Oktaeder aus seinem Gewand, dessen Seiten von 1 bis 8 durchnummeriert sind. "Wer fängt an?"

Das Spiel endet damit, daß Sayéstra gewinnt. Sie setzt ein triumphierendes Lächeln auf.

"Also Zyklamen", verkündet sie.

Derweil hat Athon sich an den Computer begeben und etwas durchgerechnet. Er dreht sich zu den Freunden um.

"Wenn ist Sayéstras Vorschlag durchführen, bedeutet das, daß wir eine vergleichsweise geringe Móvan-Menge brauchen. Für die intensiveren Farben wie Leuchtorange und dichtes Pink benötigten wir viel mehr Gas. Außerdem werden bei blaßviolettem Himmel auch die Wolken eine mehr oder minder starke rötlich Tönung annehmen. Hm, was meint ihr?" Hályos nickt zustimmend.

"Klingt nicht schlecht. Jetzt müssen wir sehen, daß wir die Raketen bekommen..."

"Das wollte Unsere Schlafende Herrin erledigen." wird er von Lúthian aufmerksam gemacht. "Außerdem wird sie veranlassen, daß die ausreichende Menge Méovan bereitgestellt wird."

Vanváya hat sich derweil an der Hausbar ein Gläschen eines tiefrote Likörs mit dem sinnigen Namen Happy Dreams Red getastet. Unmittelbar darauf erscheint ein hochstieliges Glas in der Ausgabe. Sie nippt kurz daran und bemerkt dann verärgert:

"Und was haben wir noch zu tun? -- Organisation! Pah!"

Sie schüttelt den Kopf mit ihrer signalorangefarbenen, schulterlangen Haarpracht. "Von uns ist die Idee, okay, aber em Endeffekt erledigt doch alles die Imayna!"

"Dann stell du dich in die Labors, produziere Unmengen Méovan-Zyklamen, organisiere die Trägerraketen, betanke sie, rechne die optimale Verteilung aus, übernimm die Fernsteuerung und so weiter, und so fort...!" weist Athon sie zurecht.

"Okay, okay..." gibt sie nach.

Und so laufen die Vorbereitungen zum Einfärben der Atmosphäre automatisch und im Verborgenen ab.

* * *

Pojehda II/Kaskà ist eine Welt, die normalerweise gar nicht kolonisiert worden wäre, wenn der Mutterplanet V'arásta II/M'yrta nicht unter katastrophaler Überbevölkerung gelitten hätte. Dabei waren die M'yrtaz selbst auch nur Abkömmlinge des Alten Volkes von S'selite, was bedeutete, daß sie der zweiten der drei großen Blutlinien der humanoiden Völker in diesem Galaxienbund angehörten, welche sind:

1) die Cyrea-Linie (rotes - Hämoglobin - Blut);
2) die S'selite-Linie (grünes - Chlorocruorin - Blut); sowie
3) die Laan-Linie (blaues - Hämocyanin - Blut)

So gehören beispielsweise die Fezeaner zur Cyrea-Linie, wie auch die Sol III/Terraner oder die Accra II/Karane, während Comaany der Laan-Linie zugeordnet werden und M'yrtaz, sowie Kaskàez der S'selite-Linie.

Im Gegensatz zu den meisten s'selitez'schen Kolonien entwickelten sich die M'yrtaz auf allen Gebieten stark zurück. Als die rapide Bevölkerungszunahme nicht mehr unter Kontrolle zu bringen war, entschloß man sich zu drastischen Maßnahmen.

Es wurden Notstandsgesetze ausgerufen und große Teile der Einwohner zwangsweise umgesiedelt. Da die Raumfahrttechnik der M'yrtaz ebenso degeneriert war wie ihr moralisch-ethnisches Empfinden, setzten sie die Kolonisten auf den schnellstmöglich erreichbaren Welten ab. Die Wahl fiel auch auf Pojehda II/Kaskà, einen Planeten, der von seinem Muttergestirn -- einem dK4p-Stern -- ein beträchtliches Quantum Strahlung empfängt, die für alle normalen Menschen der grünblütigen S'selite-Line absolut tödlich wäre. Aus diesem Grund wurden die Zwangsaussiedler mit einer widerstandsfähigen Schuppenhaut versehen, die ihrer ursprünglichen Hautfarbe entsprechend mittelgrün war, aber bei Lichteinfall metallisch regenbogenfarbig irisierte. Lediglich die schwarzgrünen Augen und die strahlend pinkfarbenen Haare zeugen noch von der s'selitez/m'yrtaz'schen Abkunft der Kaskàez. Durch diese aufgezwungene Mutation hat sich bei den Bewohnern Kaskàs ein neurotischer Komplex herausgebildet: sie halten ihre Schuppenhaut für einen Makel. Dies versuchen sie dadurch zu kompensieren, daß sie auf geistigem Nivea -- genauer: auf dem Gebiet der schönen Künste -- 'Vollkommenheit' zu erreichen trachten. Ihre Einstellung wäre prinzipiell nicht zu verurteilen, hätte sich nicht zusätzlich noch die Überzeugung eingebürgert, man müsse wahrhaft einzigartig sein...

* * *

Die Ehrwürdige Dame Kaskàs sitzt hinter ihrem volumniösen Schreibtisch und klopft einen ungeduldigen Rhythmus auf die Kupferrote Kunstholzplatte. Nach terranischen Maßstäben wäre sie Anfang oder Mitte Vierzig, was man ihr aber Dank raffinierter kosmetischer Tricks überhaupt nicht ansieht. Sie trägt ihr hüftlanges, dunkelrosafarbenes Haar offen über einem schlichten, schwarzen Overall und blickt immer wieder ungeduldig zur Tür.

Endlich gleitet diese in die Wand und A'Vydhes Adjutant Saralh betritt das Arbeitszimmer.

"Sind die Senatoren nun vollzählig?"

"Ja, Ehrwürdige Dame A'Vydhe. Sie erwarten Euer Erscheinen."

Der blauuniformierte junge Mann tritt wieder ab. Die Vorsitzende des Senats erhebt sich von ihrer Sitzgelegenheit und geht in den nebenan liegenden Versammlungsraum, wo sie von den 16 weißgewandeten Senatoren respektvoll begrüßt wird. A'Vydhe nummt ihren Platz an der Spitze des ovalen Sitzungstisches ein und läßt ihren Blick über die sieben Frauen und neun Männer schweifen. Senatorin T'Lenya ist wie üblich von Kopf bis Fuß mit geradezu unglaublich kitschigem Schmuck behängt, während Senator Cawarl hingebungsvoll seiner Naschsucht frönt und eine Süßigkeit nach der anderen vertilgt. R'Ianha wirkt griesgrämig wie eh und je, wogegen Corryn ihr zutiefst gelangweilt gegenüber sitzt. Es verspricht wieder mal, eine überaus interessante Ratssitzung zu werden. A'Vydhe tippt auf eine Sensortaste, woraufhin laut und vernehmlich der Gong des Beginns ertönt.

"Hochgeehrte Senatoren, ich habe Euch zusammengerufen, weil mir durch einige Informaten zu Gehör gekommen ist, daß auf dem Planeten Bator VIII/Fezea ein Projekt vorbereitet wird, das in nachgerade unverschämter Art und Weise unsere Vormachtstellung als Planet der schönen Künste in Frage stellt..."

Senator Corryn hebt arrogant eine Augenbraue.

"In der Tat? Dagegen muß etwas unternommen werden."

"In der Tat", sagt A'Vydhe bestätigend und mit leicht ironischem Unterton. "Deshalb seid Ihr hier versammelt."

"Erledigen wir sie einfach ein für alle Mal!" zischt R`Ianha boshaft, was ihr einen vernichtenden Blick von Senator Cyralh einträgt.

"Warum müßt Ihr nur immer alles 'erledigen'?" erkundigt er sich indigniert.

Die Ehrwürdige Dame Kaskàs betätigt energisch ihren Gong, um sich wieder Gehör zu verschaffen.

"Ruhe, verehrte Senatoren! Ich werde Euch zunächst einmal mit den Fakten des fezeanischen Projekts vertraut machen..."

A'Vydhes sechsfingrigen Hände huschen über die Sensortasten an ihrem Platz, woraufhin eine Holokugel mitten über dem Tisch projiziert wird, die die Vorbereitungen der Fezeaner zeigt. Senator der Kunstaufsicht Cawarl stopft sich zwei Pralinen gleichzeitig in den Mund und nuschelt anerkennend:

"Ein grandioses Unternehmen!"

"Grandios nennt Ihr das?!" stößt A'Vydhe entsetzt hervor. "Ihr seid Senator der Kunstaufsicht, Carwarl, also fällt diese Angelegenheit in Euer Metier." Sie deutet auf die Projektion, die das voraussichtliche Endergebnis der fezeanischen Bemühungen widergibt. "So geht das nicht. Räumt die Fezeaner endlich aus dem Weg, Senator!"

Die alte Senatorin R'Ianha klatscht begeistert in die Hände.

"Das ist ein Vorschlag nach meinem Geschmack!"

"Was kann ich denn unternehmen?" rätselt Cawarl halblaut.

"Das liegt ganz in Euerem Ermessen, Senator Cawarl."

Nachdem A'Vydhe die Versammlung aufgehoben hat, kehrt Cawarl in sein Büro zurück, wo er sich sofort seiner weißen Toga entledigt und in einen schreiend bunten Kimono klettert, in dessen weiten Taschen er ungeahnte Mengen Süßigkeiten deponiert hat. Er läßt seine nicht unbeträchtliche Masse in einen Polstersessel plumpsen und beschließt, erst einmal in aller Ruhe bei einem kleinen Imbiß nachzudenken. Das beste wäre wohl, das Team um Captain Zelath mit der Angelegenheit zu betrauen. Er hat bis jetzt noch die kompliziertesten Aufträge mit Bravour gelöst. Gut. Er würde also Captain Zelath verständigen...

Wie üblich erscheint Zelazth auf die Sekunde pünklich. Cawarl blickt auf seine Uhr, während er an einem Glas Schwarzbeerensirup nippt. Keine Minute zu früh und keine Minute zu spät...

"Zu Befehl, Senator Cawarl!" Der Captain salutierte und blickt sich suchend um. Seine beiden Mitarbeiter sind noch nicht zu sehen. Wie üblich. Er nimmt sich zum wiederholten Male vor, Lieutenant Zykalh und Lieutenant D'Lynth zur Ordnung zu rufen. Cawarl mustert Zelath nachdenklich. Mit 1,85m ist er nur unwesentlich größer als der durchschnittliche Kaskàezzo. Er trägt eine langärmlige, weiße Tunika, Stiefel, sowie einen pinkfarbenen, bodenlangen Mantel ohne Ärmel, dessen Tönung genau seiner Haarfarbe entspricht. Leicht verärgert blickt er immer wieder zu der Tür, durch die mit fünf Minuten Verspätung der erste Mitarbeiter Zelaths eintrudelt: die Wissenschaftlerin und Medizinerin D`Lynth. Sie ist in einen hellblauen Overall gekleidet und wirft ihrem Captain einen entschuldigenden Blick zu.

"Tut mir leid, Zelath, aber ich war mit einem Experiment beschäftigt und konnte es nicht einfach abbrechen..."

Er holt tief Luft, um sie ob ihrer ständigen Unpünktlichkeit zurechtzuweisen, als last but not least Zykalh aufkreuzt -- seines Zeichens Pilot aller Klassen und Spezialist für Nahkampftechnik. Wie auch Zelath ist er in eine knapp knielange Tunika gekleidet, nur daß seine helltürkis gefärbt ist.

"Ich hatte einen kleinen Disput mit einer der Senatswachen...", kommentierte er sein reichlich spätes Eintreffen. "Man wollte mich partout nicht einlasen..."

"Kein Wunder bei der Aufmachung", sagt D'Lynth pikiert und deutet auf die beiden unterschiedlichen Stiefel: rechts weiß und links pink. Außerdem wirkt Zykalhs schulterlange Mähne auch nicht sehr gekämmt.

"Äh", macht er verlegen, "ihr habt mich halt zu einer äußerst unpassenden Zeit aus dem Bett geholt..."

"Jetzt?!" erkundigt sich D'Lynth indigniert. "Es ist früher Nachmittag!"

"Schicksal", erwidert Zykalh achselzuckend.

"Worum geht es überhaupt?" Jetzt, da seine Leute anwesend sind, kommt Zelath zur Sache. Der Senator weiht ihn in die frevelhafte Machenschaften der Fezeaner ein. Captain Zelath hört aufmerksam zu und sieht Cawarl erwartungsvoll an.

"Und was ist nun unser Auftrag, Senator?"

"Äh, nun", beginnt dieser irritiert und schiebt einen Schokokeks ( beziehungsweise das kaskàez'sche Pendant dazu) in den Mund. "Eigentlich hatte ich gedacht, Ihr wüßtet, was zu unternehmen ist... Gut. Also. Ihr habt freie Hand. Ihr sollt die Fezeaner aus dem Weg räumen..."

"Na, das ist ein Wort!" Zykalh ist begeistert. "Sprengen wir die Fezea in den freien Raum!"

"Ah, das hat doch aber überhaupt keinen Stil", meint Zelath verweisend. "Wir werden uns eine subtilere Methode ausdenken."

"Wir sabotieren sie", schlägt D'Lynth vor.

"Genau daran dachte ich", stimmt ihr der Captain zu.

"Das klingt vielverprechend", äußert sich nun auch Cawarl und fegt ein paar Krümel von seinem Kimono. "Ihr mögt abtreten." Er macht eine huldvolle geste, woraufhin die drei knapp salutieren und das Büro verlassen. Sie beschließen, sich zunächst einmal vor Ort auf der Bator VIII/Fezea umzusehen.

* * *

Auf dem Raumhafen von Tazea-Central landet der Schnelle Kreuzer T'Synth einer kaskàez'schen Künstlerdelegation.

Offiziell besteht ihre Absicht darin, sich ein Bild von der aktuellen Arbeit auf dem Planeten der Kunst Fezea zu machen. Inoffiziell lautet ihr Auftrag durchaus ähnlich, doch mit eindeutig bestimmtem, destruktivem Ziel.

"Und nun?" will D'Lynth wissen, als sie sich mit Zelath und Zykalh am Raumhafenterminal als Besucher ausgewiesen haben.

"Wir sollen hier auf zwei Leute warten, die uns ein wenig herumführen!" erinnert Zelath. "Ich glaube, da kommen sie!"

Zwei junge Frauen steuern zielstrebig auf die drei Kaskàez zu. Die eine ist vom Kopf bis zu den Fußsohlen zartrosé gefärbt, bis auf ihr wallendes, zyklamengetöntes Haar und ein gleichfarbiges, knöchellanges Kleid, die andere dagegen leuchtet in Flammenfarben und trägt einen enganliegenden Overall. Die Flammenfarbige beginnt zu sprechen.

"Ich grüße euch, Künstler von Kaskà. Ihr wollt die neusten Projekte auf unserem Planeten besichtigen?"

"Auch wir entbieten Euch Gruß. Ich bin Zelath, dies ist D'Lynth und dies Zykalh..."

"Ich bin Vanváya, und die Imayna betraute mich damit, euch das Vorhaben meiner Clique vorzustellen." Sie blickt zu der anderen Frau, auf deren Schulter ein kleines, blaßviolett getöntes Tierchen sitzt und leise gurrt. "Meine Freundin Shalánna wird euch das Projekt ihrer Gruppe zeigen."

"Wir betreuen zur Zeit die einzigen wirklichen Großprojekte auf der Fezea", erläuterte Shalánna. "Vanas Schwester leitet die Kolorierung der gesamten Atmosphäre unserer Welt! Meine Clique ist lediglich damit beschäftigt, die Mittsteppe des Kontinents Lánathon mit Zierpflanzen und -tieren zu bevölkern..."

"Na, stell euer Licht mal nicht so unter den Scheffel, Shal! Immerhin habt ihr schon aus dem Seengebiet von Tazea ein wahres Kunstwerk gemacht..."

"Ja, Tánalhon ist ein begabter Floratrist, auch wenn er erst 13 Kleinjahre alt ist", stimmt ihr Shalánna zu.

(Ein Jahr auf der Fezea ist zwölf Terrajahre lang und wird in zehn Kleinjahre unterteilt, die wiederum zehn Monate haben. Ein Monat gliedert sich in 5 Wochen zu 8 Tagen.)

Abrupt wechselt Vanváya das Thema. "Wohin wollt ihr zuerst?" wendet sie sich an die drei Kaskàez, die nie damit gerechnet hätten, sämtliche Informationen förmlich auf dem Silbertablett geliefert zu bekommen. D'Lynth meldet sich zu Wort.

"Mich persönlich würde dir Neugestaltung jener 'Mittsteppe' interessieren", meint sie. Zelath stimmt ihr zu. Die 'Färbeaktion' würde ihnen ja nicht weglaufen, und ein paar Tage vollbezahlter Urlaub -- warum nicht?

"Dann kommt mit. Mein Schweber steht draußen auf dem Parkplatz." Shalánna dirigiert Van und Zelaths Leute in einen geräumigen Luftgleiter und beginnt sogleich mit ihren Erläuterungen.

"Die Ider zu unserem Projekt stammte -- wie meistens -- von Cálvyos, dem hauptberuflichen Projektleiter in unerer Clique. Vor neun Wochen, also am 5.Astáre im Monat der Musik, schlug er vor, wir könnten uns einmal daranmachen, die triste Landschaft der lánathonischen Mittelsteppe zu verschönern. Mal sehen... Heute ist der 3.Dárye im Monat der Inspiration... Wnn wir Glück haben, sind wir in zwei oder drei Wochen fertig."

Zehn Minuten später hat der Schweber den bräunlichgrünen Ozean überquert. D'Lynth erscheint es merkwürdig, daß die so farbenfrohen Fezeaner auf einem derart trist kolorierten Planeten leben. Kein Wunder, daß sie versuchen wollen, zumindest die Atmsphäre ihrer Welt anzufärben... Unter dem Gleiter zieht ein Vulkangebiet vorbei, die Bruchzone, die ihren Anfang bereits auf Tazea nimmt und sich durch das Meer bis durch Lánathon hindurch erstreckt.

Endlich landen sie auf einem freien Feld am Ran eines kupferfarbenen Wädchens, dessen Bäume von silbernen Blüten übersät sind. Der Boden ist von einem perlmuttschimmernden Moos bedeckt.

"Hier haben wir mit unserer Arbeit angefangen", erläutert Shal. Eine goldene Frau, die nur mit einem Lendenschurz und hüftlangen, strahlend silbernen Haaren bekleidet ist nähert sich zusammen mit einem hochgewachsenen, schwarzen Mann mit goldenen Haaren und gleichfarbiger Tunika. Shalánna springt aus dem Fahrzeug und begrüßt die zwei, bevor sie sie mit den Neuankömmlingen bekannt macht.

"Das sind Marváya und Cálvyos. Cal ist der Leiter hier, und Mar als Floratristin und Virologin für den Haupteil der Arbeit zuständig. -- Wie geht es voran?"

"Optimal." Cal wirkt mehr als nur zufrieden. "Mar hat endlich das Viroid zusammengebastelt, das es uns ermöglicht, das gelbe Steppenrispengras orange zu färben!"

"Das hat mich auch genug Mühe gekostet. Außerdem hat Cal ebenfalls einen guten Teil dazu beigetragen, indem er den genetischen Code der Pflanze entschüsselte..."

Jetzt hält es D'Lynth für angemessen, sich auch einmal einzumischen. "Haltet ihr es nicht für gefährlich, am Genom von Lebewesen -- seien es nun Pflanzen oder Tiere -- herumzupfuschen?!"

"Hey, hey!" empört sich Cálvyos. "Wir pfuschen nicht! Wir sind Künstler!" Sein Tonfall läßt deutlich erkennen, daß er keine Lust hat, sich auf eine Diskussion über die ethischen Implikationen seiner Tätigkeit einzulassen. Dennoch läßt D'Lynth nicht locker. "Ihr spielt mit den Erbanlagen von Lebewesen herum! Haltet ihr das nicht für unmoralisch?!"

"Wieso unmoralisch? Wir benutzen diese Techniken ausschließlich zur Gestaltung -- im Gegensatz zu diversen kriegerischen Rassen!"

D'Lynth breitet unschlüssig die Arme aus.

Was sollte man darauf erwiedern? Auf Kaskà sind genetische Manipulationen seit Jahrhunderten verpönt -- nicht zuletzt wegen der leidvollen Erfahrungen der Kaskàez. Vor allem sie als Medizinerin macht die Leichtfertigkeit der Fezeaner in dieser Hinsicht betroffen. Gut, auch auf Kaskà sind weder Genetik noch Molekularbiologie in Vergessenheit geraten, doch die Forschungen werden nur noch in geheimen Labors durchgeführt, von denen die Öffentlichkeit nicht unterrichtet ist. Sie, D'Lynth, wurde im Laufe ihrer Tätigkeit bei der Spezialeinheit unter Captain Zelath davon in Kenntnis gesetzt, doch an einem tiefergehenden Einblick in diesen verrufenen Zweig der Wissenschaft war sie nicht interesiert. In Gedanken versunken läßt D'Lynth das weitere Gespräch unbeachtet an sich vorbeifließen. Irgendwann steigen die drei Kaskàez und Vanváya wieder in den Schweber. Shalánna bleibt bei ihrer Clique zurück. Die flammenfarbige Frau steuert das Fahrzeug auf die Großinsel Málkyon zu.

"Hier ist also unser 'Hauptquartier'", bemerkt Vanváya gerade.

"Nebenbei, was läuft denn gerade so auf Kaskà, was größere Projekte betrifft?"

"Nun... Wir haben eine Gruppe, die sich bemüht, das Magnetfeld unseres Planeten zu manipulieren, um damit interessante farbige Leuchteffekte zu erzielen, zumal die Korpuskularstrahlung unserer Sonne bereits in den magnetischen Polgebieten derartige Phänomene erzeugt. Allerdings hat diese Künstlergruppe mindestens ebensoviele Gegner wie Anhänger, die negative Auswirkungen auf die Biosphäre Kaskàs befürchten. Ich muß gestehen, daß auch mit dieser Gedanke nicht sonderlich gefällt." Zelath schüttelt ernst den Kopf. Die vier Leute verlassen den Gleiter, der neben dem Haus der Zwillinge gelandet ist. Neugierig blicken sich die Kaskàez um. Dies ist das 'Haupquartier' jenes ehrgeizigen Projektes?! Nun ja -- man würde sehen...

Nachdem alle Neuankömmlinge begrüßt worden sind und Platz genommen haben, bietet Hályos ihnen einige Erfrischungen an. Van nippt an einem hochstieligen Glas mit orange fluoreszierendem Inhalt. "Übrigens, wir waren bei Shalánna und Company", erzählt sie ihren Freunden. "Die sind in vielleicht zwei, drei Wochen mit ihrer Sache fertig. Wir lange brauchen wir denn noch?"

Ihre Schwester macht eine unschlüssige Geste.

"Rechnen wir mal mit fünf Wochen."

Begeistert schlägt Lúthian einen Akkord auf seiner Lichtharfe an. "Hey, in fünf Wochen? Am 3.Dárye im Monat der Gestaltung werde ich 14 Kleinjahre alt! Das wäre doch was, oder?"

"Mach dir keine allzugroßen Hoffnungen, Lú! -- Wer weiß, vielleicht schaffen wir es ja bis zum 3.Súnyare -- und da haben wir Geburtstag..." grinst Say den silberlockigen Jungen an.

"Ooch, die zwei Tage...!" schmollt er und läßt einen dunklen Akkord erklingen. Ein Monat fezeanischer Zeitrechnung -- also etwas weniger als anderthalb Trisíradí VZ... Das läßt ihnen weniger Zeit als zunächst angenommen. Zelath seufzt unhörbar. Die Tage Sonderurlaub, die er sich ausgemalt hatte, kann er jetzt doch wieder streichen...

In den folgenden Stunden horchen die drei Kaskàez ihre fezeanischen Gastgeber unauffällg aus. Am nächsten Tag, dem 4.1.3.72/10 (oder, in der poetischen Aussprache der Fezeaner, am 4. Astáre im Monat der Inspiration, im 72.Jahr des Nachtsterns) machen sich Zelath und seine Leute mit ihrem Raumer T'Synth auf den Rückweg nach Pojehda II/Kaskà. Während D'Lynth sich um die Pflanzen kümmert, die sie für ihre Sammlung exotischer Floren mitgebracht hat, beraten sie, was für eine Aktion gegen die Fezea wohl am wirkungsvollsten wäre, doch die Diskussion verläuft ergebnislos.

"Und nun?" Captain Zelath ist ratlos. Selbst bei 'Helden' soll so etwas schon einmal vorkommen...

"Hm..." brummt Zykalh. "Und wenn wir uns ganz einfach der Methode der Fezeaner bedienen und die Leute mit einem programmierten Virus erledigen?" D'Lynth springt schockiert auf.

"Niemals! Da mache ich nicht mit -- genmanipulierte Viren... Bist du denn noch zu retten, Zykalh?" Sie nimmt wieder Platz.

"Außerdem -- wir wollten sie sabotieren, nicht umbringen."

"Hm..." macht nun Zelath. "Die Sache mit dem Virus ist eigentlich gar nicht so dumm..."

"Abgesehen davon basteln die Fezeaner an Viroiden" stellt die Medizinerin noch richtig. Zyklah blickt sie irritiert an.

"Na und? Wo liegt da der Unterschied?"

"Ein Virus besteht aus einer Nucleinsäure im Core und einem darumliegenden Capsid auf Protein, während Viroide lediglich 'nackte' Nucleinsäureketten darstellen..." "Hä?!" ist die einhellige Meinung von Zelath und Zykalh. D'Lynth winkt ab. "Nicht so wichtig... Ein Viroid ist mehr oder weniger ein Mini-Virus..."

"Aha." Zelath lehnt sich in seinem Sessel zurück. "Zykalh, was macht das Schiff?"

"Es fliegt."

"Haha. -- Wie weit sind wir noch von Kaskà entfernt?"

"26 Parsec. Bis morgen Mittag sind wir da."

"Gut. -- Also, woran ich dachte, war, daß wir doch eventuell einen Virus oder Viroid oder was weiß ich in den Méovan-Gasbehältern praktizieren könnten, aus dem die Verteiler-Raketen betankt werden. Diese Vanváya war ja so freundlich, und überall herumzuführen..."

"Was für einen Virus?" D'Lynth ist immer noch strikt dagegen.

"Bei den Planetformern von S'selite, stell dich doch nicht so an! Jetzt haben wir eine Möglichkeit, gegen die Fezeaner vorzugehen, und du..."

"Wertester Captain Zelath -- solcherart Methoden sind unethisch!"

"Aber erfolgreich", kommentiert Zykalh trocken.

"Was würdest du denn tun?" will Zelath wissen.

"Nun..." D'Lynth vollführt eine unschlüssige Gebärde mit einer sechsfingrigen Hand. "Ach, was weiß ich!"

"Du hast also keinen besseren Vorschlag. Fein. Also werden wir die Virus-Methode anwenden."

"Und wer soll euch da helfen?"

"Kennst du Professor D'Lanha?"

"Die ist forschungsbesessen und kümmert sich nicht um die Folgen ihrer Arbeit", stellt D'Lynth mehr als nur vernichtend fest.

"Ja, der traue ich es ohne weiteres zu, am Genom eines Virus herumzupfuschen..."

"Was meinst du, D'Lynth, ist es möglich, damit die Flora der Fezea zu schädigen? Und das in einem Ausmaß, daß es die Fezeaner zeitlebens daran hindert, unserer Welt als Künstlerplanet in die Quere zu kommen?"

"Sicherlich ist es möglich", bestätigte die Wissenschaftlerin widerwillig. Zykalh sieht sie kopfschüttelnd an.

"Mach doch nicht so einen Aufstand, Deely... Du bist ohnehin überstimmt!"

"Leider!" Verärgert verläßt sie die Kommandozentrale der T'Synth und zieht sich in ihre Kabine zurück. Zykalh breitet fatalistisch die Arme aus. "Ich glaube, sie ist wütend..."

Bis zur Landung läßt D'Lynth sich nicht mehr sehen.

* * *

Die T'Synth setzt auf dem großen Interstellar-Raumhafen Kaskà-Central/C'ardaz auf. Dort wartet bereits ein Senatsschweber auf die drei 'Spione', um sie in die kaskàez'sche Hauptstadt Kaskàrya zu befördern, wo sich der Regierungssitz des Planeten befindet.

Zelath erstattet Senator Cawarl in dessen Büro Bericht. Die darauffolgende Senatssitzung ist in der Rekordzeit von fünf Stunden (allerdings mit zwei Vertagungen) beendet. Man kommt zu dem Entschluß, daß der Vorschlag, die fezeanische Flora zu infizieren, eine akzeptable Lösung zur Ausschaltung des konkurrierenden Künstlerplaneten ist. Lediglich D'Lynth und Cyralh, der äußerst kunstliebende Senator für Geisteswissenschaften, wenden ein, daß es ein schweres kulturelles Vergehen wäre, einen Planeten der Kunst wie die Bator VIII/Fezea auszulöschen, und noch dazu mit solch verpönten Methoden wie einem manipulierten Virus. Wie nicht anderz zu erwarten, werden sie von den übrigen Senatoren einfach überstimmt.

* * *

Noch am selben Tag fliegen Captain Zelath und seine beiden Mitarbeiter nach T'áryth, dem Wissenschaftszentrum auf dem Nachbarkontinent S'yllóne. Ungeachtet des Protests der Wissenfsachtlerin, hat Zelath ihre Sammlung fezeanischer Pflanzenexemplare für Versuchszwecke konfiziert.

"Du...du...unverschämzer Pfriemel, du...!" D'Lynth ist rechtschaffen wütend. Zelath macht eine beschwichtigende Geste.

"Tut mir leid, aber es muß sein... Wir haben einen Auftrag, wenn ich dich daran erinnern darf, meine Liebe..."

"Langsam reicht es mir!" faucht sie. "Ich werde meinen Abschied nehmen und mich als Lichtkünstlerin zur Ruhe setzen..."

Zykalh seufzt gelangweilt auf. "Beim Trümmerring von Blexann, das versprichst du uns jetzt schon seit gut zwei Jahren, Deely! Wann löst du das Versprechen endlich ein?"

"Du nervst mich!" Schmollend wendet sie sich ab und blickt aus dem Seitenfenster des Fahrzeugs. Gerade überqueren sie die Gipfel eines Hochgebirges. Im Hintergrund kommt die Halbinsel in Sicht, wo die militärische Sperrzone beginnt, in der sich die unterkaskàez'schen Laborkomplexe des Wissenschaftszentrums befinden. Nachdem sie glandet sind, werden die drei von zwei schwerbewaffneten Wachoffizieren in blaßroségetönten Uniformen in Empfang genommen und zur Sicherheitskontrolle gebracht.

Ohne größere Verzögerungen identifiziert man sie als Zutrittsberechtigte, und Zelath atmet auf. Bei letzten Mal waren sie aufgrund eines Mißverständnisses erst einmal für mehrere Tage inhaftiert worden.

Professort D'Lanha erwartet Zelaths Team in ihrem spartanisch eingerichteten Büro. Die Zahl der bunten Notizzettel auf ihrem Schreibtisch scheint sich im Laufe der Zeit mindestens um den Faktor vier vervielfacht zu haben, stellt D'Lynth fest. Die Leiterin des Forschungszentrums sieht unfreundlich von ihren Unterlagen auf. "Ich hoffe, Ihr habt mich nicht grundlos während meiner Arbeit gestört", beginnt sie anstelle einer Begrüßung.

"Wir kommen im Auftrag der Ehrwürdigen Dame A'Vydhe", entgegnet Captain Zelath knapp. Zykalh straft die arrogante Professorin mit diskreter Mißachtung. "Seid Ihr in der Lage, einen Virus zu züchten, der die gesamte Flora eines Planeten zerstören kann?" erkundigt sich der Captain.

"Sicherlich. Habt ihr Unterlagen über den Planten und Probeexemplare der Flora?"

Zelath breitet D'Lynths Errungenschaften auf dem Schreibtisch auf dem Schreibtisch aus.

Mit einem wütenden Seitenblick bringt D'Lanha ihre Zettel in Sicherheit. "Was soll ich damit", faucht sie den Captain an.

"Schickt das zu Professor Ceranh! Er wird sich mit Eurem Problem befassen." Sie ruft einen Assistenten, der die Pflanzen einsammelt und ihrer Bestimmung zuführt. D'Lynth blickt ihnen wehmütig nach.

* * *

Drei Wochen fezeanischer, beziehungsweise achteinhalb Tris VZ nach kaskàez'scher Zeitrechnung, nachdem sie von der Bator VIII/Fezea zurückgekehrt sind, hält Zelath die etwa 20cm lange Ampulle mit dem Killervirus in der Hand. Fasziniert betrachtet er den bläulich schimmernden Metallbehälter, der die völlige Vernichtung der fezeanischen Flora entält. Jetzt stellt sich nur noch die Frage, wie er die Viren am Sinnvollsten in den Zentraltank des Färbegases Méovan befördern kann. Zelath ruft seine Leute zusammen.

"So", beginnt er, als D'Lynth und Zykalh (letzterer schwer verschlafen) in seiner Wohnung versammelt sind, "wir fliegen jetzt zum zweiten und letzten Mal zur Bator VIII/Fezea. Um unseren Auftrag anzuschließen, müssen wir noch den Virus loswerden..."

"Und dann ade, Künstlerplanet Fezea", vollendet Zykalh gähnend. "Mußtest du mich schon wieder aus dem Bett schmeißen?"

"Was hat denn das schon wieder mit der Fezea zu tun?" erkundigt sich D'Lynth pikiert.

"Nichts, aber ich bin müde."

"So kommen wir doch nicht weiter", macht Zelath wieder auf sich aufmerksam. "D'Lynth, kann der Virus eigentlich auch eine Gefahr für die Floren anderer Planeten darstellen, wenn die Fezeaner ihren Planeten verlassen?"

"In seinem jetzigen Zustand nicht. Aber er könnte mutieren", unkte die Wissenschaftlerin.

"Wird er schon nicht", meint Zykalh. "Sonst hätte dieser Professor Ceranh die Biester nicht rausgerückt, würde ich sagen."

"Was soll's?! Morgen starten wir wieder zur Fezea", bestimmt Zelath kurzerhand. "Ich bitte euch, wenigstens einmal pünklich zum Start zu erscheinen..."

* * *

Am nächsten Morgen startet die T'Synth, natürlich mit zehnminutiger Verspätung.

"Und was sagen wir den Fezeanern, warum wir sie ein zweites Mal innerhalb eines Trisíradí VZ heimsuchen?" will D'Lynth wissen. Zelath blickt von den Kontrollen auf.

"Nun, wir wollen uns über ihre Fortschritte informieren. Ist doch ganz logisch..."

"Und wie kommen wir an den Gastank?"

"Sind wir ein Spezialkommando, oder nicht?"

"Äh, Zelath", meldet sich Zykalh, "aber wie kommen wir an den Tank?"

"Nun, also", macht der Captain leicht verlegen. "Ach, es wird uns schon etwas einfallen!"

* * *

Auf der Bator VIII/Fezea schreibt man den 2.Fúrane im Monat der Gestaltung, im 72 Jaht des Nachtsterns (kurz: den 2.2.4.72/10FZ), als die T'Synth auf dem Raumhafen von Tazea-Central landet. Wieder werden die drei Kaskàez von der flammenfarbigen Vanváya in Empfang genommen.

Diesmla steigt sie nicht in Begleitung von Shalánna aus ihrem Schweber, sondern es folgt ihr ein bronzehäutiger Junge mit tiefblauen, schulterlangen Haaren in einer weißen Tunika.

"Ich grüße euch, Künstler von Kaskà", begrüßt sie die drei Saboteuere. "Was führt euch ein zweites Mal auf die Fezea?"

Wie üblich ergreift Captain Zelath das Wort.

"Auch wir entbieten Gruß, Vanváya..." Er zögert kurz. "Das war doch dein Name?"

"So ist es. Lú dürftet ihr wohl auch noch kennen..."

"Äh, das ist Lúthian?" fragt Zykalh entgeistert.

"Sicher", grinst der Junge, zückt seine Lichtharfe und dudelt ein psychedelisches Musikstück, indem er die perlmuttfarbenen Sensortasten berührt, die anscheinend wahllos auf dem dunkelvioletten, dreieckigen Instrument verteilt sind.

"Man hört es", bemerkt Zykalh trocken duchr die undefinierbaren Klänge, die wie eine Mischung aus Glöckchen, Harfe und Synthesizer tönen. Vanváya schüttelt nur den Kopf.

Die fünf Leute steigen in Vans Gleiter und machen sich auf den Weg zur Großinsel Málkyon.

Im Domizil der Zwillinge angekommen, erkundigen sich die Kaskàez nach den Fortschritten der Clique. Sayéstra -- mittlerweile rothäutig, mit goldenen Zöpfen und in einem zur Haarfarbe passenden Kleid -- lehnt sich bequem in ihrem Schwebesessel zurück und nippt an einem türkis phosphoreszierenden Getränk.

"Wir sind fast fertig. Das Méovan ist bereitgestellt, die Verteilung der Raketen berechnet, und die Bevölkerung ist einverstanden. Das einzige, was noch nicht soweit ist, ist der Umbau der Interkontinentalraketen als 'Gasverteiler'. Aber die Imayna meinte, in einer Woche wäre auch das geschafft. Am 3.6.4.72/10, also in anderthalb Wochen, an Vans und meinem 23.Geburtstag, wird das Projekt beendet."

Zelath atemt innerlich auf. Eine Woche fezeanischer Zeitrechnung bleibt ihnen noch, um die Viren in den Tank zu praktizieren. Es müßte doch machbar sein, das in dieser Spanne abzuwickeln!

"Wenn es euch nichts ausmacht, werden wir noch bis dahin auf der Fezea bleiben", sagt er.

"Warum sollte es uns etwas ausmachen?" will Say wissen. "Im Gegenteil, wir freuen uns darüber!"

* * *

Drei Tage nach diesem Gespräch, am 2.5.4.72/10FZ, schleichen sich Zelath und Zykalh aus dem Haus der Zwillinge. Auf Málkyon ist gerade Mitternacht, was aber zur Folge hat, daß auf dem Kontinent Tazea, wo sich der Hauptverteiler befindet, hellichter Tag ist. Nun können die beiden Männer nicht abwarten, bis es hier dunkel ist, sonst würde ihr Verschwinden Sayéstras Clique auffallen. Ob dieser Tatsache gibt der Captain erst einmal einige saftige Flüche zum besten.

"Und nun?" erkundigt sich Zykalh erwartungsvoll.

"Und nun, und nun...!" äfft Zelath ihn nach. "Laß dir doch auch einmal etwas einfallen!"

"Du bist der Captain", grinst Zykalh. Sein Gegenüber schüttelt nur den Kopf. Er balanciert die Ampulle auf der rechten Handfläche und macht eine Geste mit der anderen Hand.

"Dabei brauchen wir nur diesen Zylinder in den Gastank befördern! Er wird per Zeitzünder geöffnet, versprüht seinen Inhalt und vernichtet sich danach automatisch...!"

"Tjam wir müssen uns eben in die Fabrikationsanlage einschmuggeln. Das müßte doch zu schaffen sein! Die ist nicht irgendwie geheim, und ich bezweifle, daß diese degenerierten Fezeaner irgendwo Wachen aufgestellt oder Alarmanlagen installiert haben."

"Warum nicht", überlegt Zelath. "Treten wir eben die Flucht nach vorne an -- immer nach dem Motto 'Frechheit siegt'..." Er deutet auf den unbewachten Eingang. "Schmeit mal deinen Abtaster an, ob du irgendwelche Sicherungsanlagen orten kannst."

Zykalh zaubert ein flaches Kästchen aus seinem Ausrüstungskoffer hevor, das er langsam vor der Eingangstür umherschwenkt. Die Anzeige leuchtet violett auf. "Alles klar."

"Na, dann los!"

"Momentchen..." Zykalh entnimmt seiner Tasche einen spindelförmigen Sensor und fährt über das Tastenfeld des Türöffners. Nur Sekunden später hat der Sensor den Code erfaßt und strahlt ihn ab. Lautlos gleitet die Tür beiseite. Zykalh verastaut sein Werkzeug in seinem Koffer. "Ich bitte einzutreten..."

Zelath sichert noch einmal nach allen Seiten, dann schleichen sie sich in die unterfezeanischen Industrieanlagen.

"Äh, Zelath, ich möchte dich ja nicht verunsichern, aber weißt du eigentlich genau, wo dieser Riesentank steht, den uns Vanváya gezeigt hatte...?"

"Nun..." zögert der Captain, "so in etwa..." Er deutet schräg nach links unten. "Versuchen wir es da lang..."

"Wenn du meinst... Du kannst doch die fezeanischen Schriftzeichen entziffern, nicht wahr?"

"Doch. Hast du einen Wegweiser oder so etwas gefunden?"

"Da ist ein Pfeil, und darunter steht etwas."

"Wo? Ach, da... Äh... Zykalh...! Da steht, wo es zur Toilette geht..."

"Oh." Zykalh blickt sich weiter um und erspäht eine Tafel. "Und das da? Ich hoffe, es ist keine Speisekarte, oder so etwas..."

"Laß mal sehen. Ah, das ist schon eher etwas!" Er spurtet an die Wand und mustern die fremden Symbole.

"Die Anlage ist in eine ganze Anzahl von Ebenen unterteilt. Ganz unten scheinen die Kraftwerke und Recyclinganlagen zu liegen. Darüber sind diverse Stoff-Synthesizer angelegt, die die Materialien für eine Ebene höher befindlichen industriellen Fertigungsanlagen bereitstellen... Ah, wir haben es! Oh, direkt hier, auf diesem Level... Das nenne ich Perfektion. Äh, vielleicht doch nicht... Wir müssen noch etwa fünf Kilometer marschieren...!"

Zykalh zieht eine fatalistische Grimasse. "Wandern wir..."

Die beiden machen sich auf den Weg. Die Gänge scheinen völlig ausgestorben zu sein.

"Zykalh, mir gefällt das nicht. Es ist viel zu einfach!"

"Vielleicht haben die gerade Mittagspause, oder so... -- Das erinnert mich an etwas... Ich schiebe Kohldampf...!" Er öffnet seinen Ausrüstungskoffer und nimmte eine länglich geformte, rosafarbene Frucht heraus, die er genüßlich verspeist. Zelath sieht ihm kopfschüttelnd zu. "Hast du für mich auch eine übrig?"

"Sicher", mümmelt Zykalh und reicht ihm eine quaderförmige gelbe Frucht. "Danke. -- Hm, jetzt dürften es vielleicht noch zwei Kilometer sein. Und es hat sich immer noch nichts und niemand hier gerührt. Nicht einmal Arbeitsrobots! Richtig unheimlich."

Was die zwei Männer nicht wissen, ist, daß in diesem Trakt in der Tat niemand mehr ist. Der Gasbehälter ist gefüllt, und es besteht für die Fezeaner keinerlei Notwenigkeit, hier Robots oder Menschen als Wachen zurückzulassen, vor allem, wo die Künstler selbst ohnehin an nichts anderem als an neuen Kunstwerken interessiert sind. Endlich erreichen Zelath und Zykalh ein versiegeltes Schott.

"Und nun?" Zykalh blickt seinen Captain wieder erwartungsvoll an. Dieser macht eine bezeichnende Geste.

"Dahinter liegt der Tank. Das hatte uns Vanváya zumindest erzählt."

"Ich checke mal ab, ob bereits der Bereich hinter diesem Schott mit Méovan geflutet ist, oder ob dert erst der Behälter beginnt." Zykalh entnimmt seinem Koffer einen Analysator und richtet ihn auf die massive Metalltür. Er runzelt die Stirn.

"Direkt hinter diesem Schott befindet sich das Gas. So etwas leichtsinniges! Wenn nun jemand versehentlich den Öffnungsmechanismus betätigt..."

"Wer?" erkundigt sich Zelath und macht seinen Mitarbeiter darauf aufmerksam, daß sich doch niemand in diesem Bereich dieser Anlage befindet, der sich eventuell unbeabsichtigt an dem Schott zuschaffen machen könnte. Auch Zykalh muß das zugeben.

"So, und jetzt öffnet mal deinen Wunderkoffer", weist der Captain ihn an. "Wir benötigen eine Minischleuse, einen Desintegrator und einen 'Korken', um die Sache wieder dicht zu bekommen..." Zykalh breitet seine Utensilien aus, dann machen sich die beiden Saboteure an die Arbeit. Der Lieutenant vermißt mit einem Sensor die Dicke des Schotts und programmiert eine Desintegratorbombe auf den entsprechenden Radius, bevor er die Minischleuse über die winzige Bombe stülpt und gasdicht an der Tür befestigt. Er überprüft sorgfältig den Sitz der 'Bombe' und 'Schleuse', bevor er den Zündungsimpuls gibt. Sofort bildet sich in dem Schott ein Lock, und Méovan strömt in die daraufgesetzte Schleuse. Zykalh pumpt sie wieder leer und öffnet das Außenschott, woraufhin Zelath die Ampulle in der etwa Halbmeter durchmessenden Kammer deponiert. Mit einem darinbefindlichen Greifer befördert sein Mitarbeiter den Zylinder in den Gastank, bevor er abermals den Innenraum der Schleuse leerpumpt und die hintere Tür schließt. "So", meint er. "Die Ampulle ist drin. Jetzt müssen wir nur unsere Spuren beseitigen..." Zelath sieht ihm fasziniert zu, wie er seinem Koffer mehrere Metallwürfel entnimmt und mit einem Druckstrahler zu einem passenden Zylinder umformt.

Nachdem er das vollbracht hat, schiebt er ihn in die Schleuse und setzt ihn in das von der Desintegratorbombe produzierte Loch. "Paßt. Jetzt muß ich die Angelegenheit nur noch befestigen, abdichten und die Spuren verwischen..." Er nimmt den Propfen noch einmal heraus und besprüht ihn mit einem 'Klebstoff', der seinen Anforderungen entspricht, bevor er ihn endgültig in die Öffnung einsetzt. Als er die Schleuse wieder abnimmt, kann er aber nicht verhindern, daß das Méovan aus der Schleusenkammer entweicht, doch das Gas verflüchtigt sich rasch. Zelath inspiziert den 'Korken'.

"Aber man kann die Nahtstelle sehen!" bemängelte er.

"Keine Panik", beschwichtigt ihn Zykalh und holt eine Sprühpistole aus seinem Zauberkasten. Nachdem er das Metall damit bearbeitet hat, ist nichts mehr zu erkennen. Vielleicht glänzt die Stelle ein wenig mehr, aber sonst... Wie neu!

"Was hast du eigentlich nicht in deiner Wunderkiste?" erkundigt sich Zelath fassungslos.

"Wenig", erwidert Zykalh trocken. "Noch eine Creáve?" Er hält ihm eine weitere gelbe Frucht entgegen.

"Nein, danke." Zykalh zuckt mit den Schultern und verspeist das Obst selbst. "Hauen wir wieder ab. Ich bin müde..." Er gähnt ausgiebig. Zelath schüttelt belustigt den Kopf, und sie machen sich auf den Rückweg. Abermals verläuft alles ohne jegliche Hindernisse. Sie sprinten zu ihren versteckten Flugaggregaten und machen sich auf den Rückweg nach Málkyon, wo sie sich unbemerkt in ihre Gästezimmer im Haus der Zwillinge verziehen.

* * *

Am nächsten Tag, beim Frühstück, macht Zelath Sayéstras Clique eine betrübliche Mitteilung.

Er deutet auf den Taschenkommunikator, den er in seiner Rechten hält.

"Ich habe eine Nachricht von Kaskà bekommen, die besagt, daß wir umgehend zurückkehren sollen. Es läuft ein wichtiges Projekt, das unserer Anwesenheit bedarf."

Sayéstras Blick wandert bedauernd über die Kaskàez.

"Schade. Dann werdet ihr gar nicht den krönenden Abschluß unserer Aktion miterleben. In einer Woche ist es doch schon soweit!"

Zelath macht eine entschuldigende Geste. "Es tut mir leid." Er wendet sich an seine Leute. "Wir müsen aufbrechen."

Captain Zelath und Mitarbeiter verabschieden sich von den fünf Fezeanern und machen sich alsbald auf den Rückflug nach Pojehda II/Kaskà.

* * *

Im Büro des Senoators erstatten die drei Saboteure Cawarl Bericht. Dieser beschäftigt sich gerade mit dem Verspeisen einer süßen Synizh-Pastete und hört dem Captain interessiert zu.

"Denen habt Ihr aber ein ganz nettes Kuckucksei ins Nest gelegt", bemerkt er anerkennend. D'Lynth verschränkt die Arme vor der Brust und setzt eine abweisende Miene auf.

(Eigentlich kein Kuckucksein, sondern eine H'árutha, die kaskàez'sche Version desselben -- Anm.d.Verf.)

"Ich bitte, in den Abschlußbericht aufzunehmen, daß diese Vorgehensweise gegen meine Einwände..."

"Schon gut, schon gut", winkt der Senator ab. "Die Angelegenheit wurde erledigt -- äh, ja, wie funktioniert eigentlich die Kapsel mit den Bazillen?"

"Viren", wird er von D'Lynth korrigiert.

"Nachdem si in Kontakt mit dem Méovan-Gas gekommen ist, löst sie sich innerhalb von 10 Minuten spurlos auf", erläutert Zykalh.

"Gut. So wurde es also erledigt", überlegt der Senator laut und bemerkt, daß er soeben seine Pastete terminiert hat. Seufzend greift er nach dem Glas Ceráven-Sirup auf seinem Schreibtisch.

"Wann geht es denn los?" erkundigt er sich.

"In fünf Fezea-Tagen, respektive etwas mehr als fünf Dí VZ."

"Schön. Das wird die Ehrwürdige Dame A'Vydhe und den Senat erfreuen."

* * *

Heute schreibt man den 3.6.4.72/10FZ -- also den 3.Súnyare im Monat der Gestaltung, im 72.Jahr des Nachtsterns. Dieses Datum soll in die Geschichte der Bator VIII/Fezea eingehen, bedeutet er doch die Vollendung des bisher ehrgeizigsten Peojektes in der Geschichte der fezeanischen Kunst. Die Einwohnerschaft umsteht wohl geschlossen die Holokugeln des Trivid, als Sayéstra die Ehre obliegt, den letzten Befehl zum Start des Méovan-Raketen zu geben. Und schon schießen die Silberpfeile gen Himmel. Über Tazea-Central steht gerade die Morgensonne und taucht die eher trist gefärbte Landschaft in goldenes Licht.

An genau berechneten Positionen entledigen sich die Flugkörper ihrer Ladung, die den ganzen Planeten von Grund auf verändern soll. Auf der Nachthalbkugel Fezeas wird die anschließende Zerstörung der Raketen zu einem prächtigen Feuerwerk, das die Fezeaner ungemein erbaut. Lúthian rennt aufgeregt zwischen Holoprejektion und Panoramafenster umher.

"Wann siehr man es denn endlich?" quengelt er. Athon verdreht gestreßt die Augen. "Warte es ab! -- Wo steckt eigentlich Van?"

"Die ist mal 'für kleine Mädchen'..."

"Aha. Hm... Aber eigentlich müßte man tatsächlich bald etwas sehen..." Sayéstra schüttelt den Kopf und lehnt sich in ihrem Schwebesessel zurück.

"Frühestens in ein, zwei Tagen", sagt sie. "Das Gas muß sich doch erst richtig in der Atmosphäre verteilen."

"Schade..." Lú schiebt schmollend die Unterlippe vor und angelt nach seiner Lichtharfe, die Ath aus Sicherheitsgründen in Verwahrung genommen hat.

"Gib mir doch endlich die Harfe wieder!"

"Nein!" Athon klingt unerbittlich. "Du gehst uns nicht schon wieder mit deinem Gedudel auf die Nerven..."

"Und was amchen wir bis dahin?" Hal deutet auf das Holobild, das im Augenblick nichts Weltbewegendes mehr zeigt.

"Abwarten", antwortet Say ihrem Gefährten.

* * *

Als Lúthian zwei Tage später, am 3.8.4.73/10FZ aufsteht, stürzt er, wie schon gestern, an das Panoramafenster.

"Bei der Imayna!" staunt er andächtig. Die goldene Sonne steht noch sehr tief, und das Firmament erscheint tiefviolett. Nahe dem Horizont glüht der Himmel intensiv purpufarben. Dann erst streift sein Blick den kleinen Hain ehemals olivgrauer Bäume, und er runzelt die Stirn. "Athon?" ruft er. "Athon!" Einige Minuten später steht dieser verschlafen neben dem Jungen. "Hm?" brummt er unwirsch. Lú weist auf die Dératham-Bäume.

"Sieh dir mal die Dérathams an!"

"Sie sind metallisch türkis, na und?" Er gähnt herzergreifend, als ihm plötzlich etwas auffällt. "Sie sind metallictürkis?" Er reißt entgeistert seine blauvioletten Augen auf. "Sie sind metallictürkis..." Lú schüttelt grinsend den Kopf.

"Ach nee...!" Athon läßt sich nicht beirren.

"...aber warum sind sie das?!"

Lú macht eine Geste der Unschlüssigkeit.

"Was weiß ich? Das ist doch aber völlig egal! Mir gefällt's."

"Nun ja..." Athon stimmt ihm nicht ganz zu. Jetzt betritt auch Hélyos, im Gefolge von Sayéstra den Raum. Beide blicken erwartungsvoll zum Fenster.

"Wow!" begeistert sich die zur Zeit braunhäutige junge Frau, dann runzelt sie irritiert die Stirn. "Die Dérathams sind türkis", stellt sie fest.

"Metallictürkis", wird sie von ihrem Gefährten korrigiert, der nun gen Horuont zeigt. "Seht ihr, was ich sehe?"

Lúthian sperrt Mund, Nase, Augen und Ohren weit auf.

"Das Gras -- Auch!" haucht er. "Bei der Imayna, wer weckt mich mal eben auf?"

"Das verstehe ich nicht", meint Say und streicht sich eine lange, kupferfarbene Haarsträhne aus dem Gesicht. "Das Méovan färbt doch nur Gase!"

Ath, seines Zeichens Gaschromatist, breitet ratlos die Arme aus.

"Das hatte ich auch gedacht..."

Kurzerhand begibt sich Sayéstra zum Viphon und stellt eine Verbindung zur Imayna her. Die Projektion lächelt sie freundlich an. "Ich grüße dich, Tochter der Fezea. Was wünscht du von mir?"

Ohne viel Umschweife kommt Say sogleich zur Sache.

"Guten Morgen, Imayna. Wie du sicherlich bereits bemerkt haben dürftest, ist eine unerwartete Veränderung an verschiedenen Exemplaren der fezeanischen Flora eingetreten. Kannst du die Verfärbung der Pflanzen erklären? Wie weit ist die Pflanzenwelt überhaupt davon betroffen?"

"Die ersten Anzeichen traten vor etwa acht Stunden auf, so daß die Untersuchungen bereits eingeleitet sind. Es hat den Anschein, als wäre das Phänomen global. Die genaue Ursache konnte noch nicht ermittelt werden, als Hypothese jedoch gehe ich von einer Katalysator-Wirkung des Méovan-Gases aus."

"Ist die Türkisfärbung das Symptom einer Schädigung der Pflanzen oder lediglich eine ungefährliche Erscheinung infolge der Gaseinwirkung?"

"Erste Untersuchungsergebnisse zeigen keine Beeinträchtigung des Pflanzenstoffwechsels auf. Weitere Auswertungen müssen noch abgewartet werden."

"Und was ist mit den Tieren?" will Hályos wissen.

"Negativ. Es wurden lediglich Veränderungen der Flora beobachtet."

"Danke."

"Bitte sehr. -- Daccù, habt ihr sonst noch etwas auf dem Herzen, meine Kinder?"

"Ja", erwidert Sayéstra. "Informiere uns bitte, sobald du etwas Genaueres weißt." Sie verabschiedet sich von der Imayna und trennt die Verbindung. Derweil hat sich Lúthian wieder seiner Lichtharfe bemächtigt und dudelt ein paar Akkorde vor sich hin. Untermalt von seinen Sphärenklängen fällt ihm etwas ein...

"Was meint ihr, was werden Cálvyos & Co. dazu sagen, wenn sich ihre mühsam kolorierte Mittsteppe plötzlich selbst umgefärbt hat...?" Er grinst über das ganze Gesicht. "Naja, eigene Schuld -- ich hatte ihnen ja vorgeschlagen, dort Klangskupturen aufzustellen...!"

Athon hält sich demonstrativ die Ohren zu und blickt gequält auf Lús Lichtklampfe...

"Kommt, frühstücken wir doch erst einmal!" Sayéstras Vorschlag wird einstimmig angenommen. Auch Vanyáya gesellt sich nun zu ihnen.

Kurz nach dem Mittagessen meldet sich die Imayna bei der Clique.

"Das endgültige Resultat meiner Untersuchungen liegt nun vor. Das Méovan-Gas fungierte tatsächlich als Katalysator. Ein bis dato schlafender Virus wurde dazu angeregt, die den Pflanzen innewohnenden Farbstoffe umzustrukturieren. Glücklicherweise beeinträchtigt das nicht die essentiellen Funktionen der einzelnen Pflanzen. Die Mutation ist permanent und durch den Virus in das Genom einbeschrieben worden. Das bedeutet, daß die gesamte fezeanische Flora nunmehr 'natürlichß eine Metallictürkisfärbung besitzt." Die Imayna macht eine kure Pause. "Anbetracht dieser unvorhergesehenen Entwicklung und der Tatsache, daß wir offensichtlich nur um Haaresbreite an einer globalen Katastrophe vorbeigekommen sind, werde ich in Zukunft vergleichbare Großprojekte micht mehr unterstützen. -- Daccù, habt ihr sonst noch etwas auf dem Herzen, meine Kinder?"

Die fünf Künstler verneinen und sehen sich unbehaglich an. Offensichtlich war ihr Experiment risikoreicher, als sie oder auch die Imayna gedacht hatten. Aber wer rechnet schon mit einem schlummernden Virus, der erst durch ein völlig ungefährliches Gas aktiviert wird? Auf jeden Fall beschließen Sayéstra & Co., in nächster Zeit lieber kleinere Kunstwerke zu schaffen.

* * *

Der Senat von Kaskà tagt. Neben den sechszehn Senatoren und der Ehrwürdigen Dame A'Vydhe sind noch fünf Besucher anwesend: Captain Zelath, die Lieutenants D'Lynth und Zykalh, sowie die Professoren D'Lanha und Ceranh. Letzterer ist mit Anfang dreißig nach terrestrischen Maßstäben noch vergleichsweise jung, sein struppiges Haar ist jedoch bereits hellrosa. Der lange, schlacksige Molekularbiologe trägt einen weiten weißen Overall und scheint sich unter den ganze Senatoren nicht sehr wohl zu fühlen. Tiefgrün vor Wut sitzt A'Vydhe an der Spitze des ovalen Versammlungstisches.

"Verehrte Senatoren, vielleicht interessiert es Euch, was der gpd (Galaktische Pressedienst) an Neuigkeiten von ...'dem' Planeten der Kunst Fezea zu berichten hat..." Ihre Stimme klirrt wie Eis. Mit einer Tastenkombination aktiviert sie die Holokugel, und die Anwesenden können sich persönlich von der Arbeit der 'Killerviren' überzeugen.

"Was hat das zu bedeuten?" A'Vydhes Blick bohrt sich abwechselnd durch Cawarl, Captain Zelath und Professor D'Lanha. Der Senator sieht hilflos zu Zelath hinüber, während D'Lanha keine Miene verzieht.

"Nun, Senator Cawarl?"

Der Angesprochene zuckt zusammen und macht eine abwehrende Geste.

"Ich habe Captain Zelath völlig freie Hand gegeben. Äh, Captain?"

Zelath ist sich keiner Schuld bewußt.

"Für die Viren bin ich nicht verantwortlich! Ich habe sie zwar im Wissenschaftszentrum T'áryth in Auftrag gegeben, aber die Herstellung oblag den dortigen Wissenschaftlern..."

Die Ehrwürdige Dame wendet sich an die Leiterin des Forschungszentrums. "Professor D'Lanha?"

Die Frau gibt A'Vydhes weißglühenden Blick aus ihren dunkelgrünen Augen unbeeindruck zurück.

"Der Auftrag wurde sofort an die Abteilung Molekulargenetik weitergeleitet... -- Professor Ceranh!"

"Ä-hem -- In der Tat... Die Angelegenheit wurde in meinem Labor bearbeitet..." Er knetet unbehaglich seine Finger. "Der Virus war allerdings völlig in Ordnung, als wir ihn in den von Lieutenant Zykalh gefertigten Behälter transferierten..."

"Anscheinend doch nicht", bemerkt A'Vydhe frostig.

"Der Virus war in Ordnung", beharrt Ceranh. "Es sei denn, er wurde unsachgemäß behandelt..."

"Ich verbitte mir eine derartige Unterstellung", protestiert Zelath und verschränkt die Arme vor der Brust.

"Der Virus befand sich während der gesamten Zeit hermetisch versiegelt ind er Originalverpackung! Von dort wurde er unmittelbar in den Méovan-Gastank beförd..."

"Wie bitte?" Beide Professoren starren den Captain schockiert an. "Méovan-Gas?"

"Na und?!" Zelath versteht die Aufregung nicht.

"Es war nie die Rede davon, daß unser Vorus einer Fremdsubstanz wie Méovan ausgesetzt werden sollte...!"

"Na und?!" wiederholte Zelath.

"Na und!" macht D'Lanha angriffslustig. "Méovan verfügt über diverse auxo- und antiauxochrome Gruppen... Diese Substituenten sind vielfach ausgesprochen reaktiv und können die Virus-DNA angreifen, so daß beispielsweise das 3'-OH der Pentose, welches nicht durch eine Phosphodiesterbrücke mit einem weiteren Nucleotid verbun..."

"Äh, Professor", beginnt Zelath zaghaft, "ich verstehe nur Raumhafen und Fehlstarts..."

"Nun gut. Ich sehe ein, daß sie das nicht verstehen", gibt D'Lanha großzügig zu. "Um es für Laien verständlich auszudrücken: Das Gas hat unseren Killervirus gekillt. Klar?"

"Jetzt schon... -- Und nun?"

"Was und nun? -- Die Bazille ist hin, und wir müssen uns etwas neues ausdenken, um die Fezea zu erledigen", kommentiert Zykalh trocken.

"Jawohl", faucht die Ehrwürdige Dame A'Vydhe. "Ihr müßt einen neuen Plan ausarbeiten, wie man die Fezea ausschalten kann, verehrte Senatoren! -- Bis dahin ist die Sitzung vertagt!"

-- Bye --


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