Die Hüter des Friedens

Amyshica! Ich träume das Universum

©1987 by Stayka deyAvemta

Letzte Änderung: 2002/02/26


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Regenbogenfarbenes Sternenlicht spritzt wie Gedanken durch die ewige Nacht des Alls und funkelt diamantengleich auf samtiger Schwärze.

Mein imago folgt den interstellaren Energielinien, die das Universum an das Große Muster fesseln. So oft ich auch mit meinem Geistkörper die Unendlichkeit durchstreife -- ich glaube nicht, daß ich dieser Art der Fortbewegung jemals überdrüssig werden könnte! Ein wenig sehne ich die Zeit herbei, wenn ich in meine wahre Gestalt zurückwechsele.

Plötzlich gleißt ein unfarbiger Blitz durch den Raum und ruft meinen Namen. Was ist schon ein Name?

"Morgaine!"

Eine Nova schickt ihre Fühler aus und ringelt Protuberanzen um meinen Geist, die sich unbarmherzig zu meinem Innersten vorglühen. Erschreckt zieht sich mein imago zurück.

"Morgaine!"

Ay jéesha! Ich komme doch schon! Wer wagt es da, mich aus meiner Viláyan-Trance zu reißen? Je näher ich meinem physischen Körper komme, desto eindeutiger werden meine Erinnerungen -- und auch die Erkenntnis, daß ich bei meinem abrupten Trance-Abbruch mit fürchterlichen Kopfschmerzen zu rechnen habe. Der ewige Preis dafür, eine Weile in einem stofflichen Körper zu leben. Vielleicht sollte ich doch lieber wieder umkehren?

Aber nein. Der Grund, aus dem Vérryth mich weckt, muß schon gravierend sein. Wenig begeistert kehre ich in meinen physischen Körper zurück und schlage die Augen auf -- aber nur, um sie Sekundenbruchteile darauf wieder reflexhaft zu schließen.

Dieser marsianische Volltrottel hat doch glatt die Kabinenbeleuchtung auf maximale Leistung gestellt! Ay djárr, er bewegt sich hart am Rande eines gewaltsamen Todes. Als reinrassige Amyshica bin ich an weitaus weniger Licht gewöhnt, denn mein Heimatplanet ist die sechste Welt des goldgelben G4-Sterns Raccis-Vála -- oder, für euch alhmáyy, Außenweltler, ist es Rákhiswala bzw. Zeta Gruis. Vorsichtig öffne ich abermals die Augen. Ein weißhaariger, junger Mann in orangefarbener Montur beugt sich besorgt über meine Wenigkeit. Zu seinem ganz persönlichen Glück hat er es unterlassen, mich zu berühren. -- Nein, normalerweise hätte ich durchaus nichts dagegen (das ist einer der interessanten Aspekte der körperlichen Existenz), aber eine Amyshica in Viláyan-Trance sollte ein Nicht-Amyshicu besser nicht anfassen, da er sonst einen höchst unangenehmen Energieschlag verpaßt bekäme.

Deshalb trage ich sonst aus Sicherheitsgründen meist meine langen, dünnen Handschuhe und Stiefel aus einem silbern schimmernden Isoliermaterial, obwohl ich als ausgebildete asthérys ('Priesterin der 3. Stufe') durchaus in der Lage bin, meine Energien auf geistigem Weg zu kontrollieren. Das heißt, solange ich keinen Telepathen, Telekineten oder sonst jemanden mit einer sogenannten 'aktiven' PSI-Fähigkeit berühre -- bei jenen würde ich unweigerlich einen Kurzschluß auslösen, der sie im harmlosesten Fall betäuben, im schlimmsten Fall jedoch psychisch völlig ausbrennen würde.

"Morgaine!" Zum dritten Mal für heute. Vérryth sieht mich besorgt aus seinen schräggestellten grauen Augen an. Ich richte mich ächzend von der silbernen Matte auf, die mir als Unterlage gedient hat und werde erst einmal meiner Umgebung gewahr. Ich sitze auf dem Boden einer wenig geräumigen Kabine an Bord eines Mittelklasse-Passagierliners der Mars-Kara-Route.

Die Wände sind in einheitlichem Beige gehalten, ebenso wie der an einer Seite eingelassene Schrank und das rein auf Zweckmäßigkeit ausgerichtete Bett. Insgesamt sind die Kabinen hier nicht sonderlich auf gemütlich gestylt. Naja, wer will, kann ja immer noch einen der Aufenthaltsräume aufsuchen, wenn ihm danach ist. Ayée, mein Kopf! Ich wußte es! Normalerweise sind wir Amyshicy nahezu unverwüstlich, aber die Kopfschmerzen nach Trance-Störungen sind nur äußerst schwierig zu kurieren. Ich suche meine Stiefel und Handschuhe zusammen und schaue Vérryth strafend an.

"Was ist denn los?" erkundige ich mich leicht genervt. "Ich hatte dir doch ausdrücklich gesagt, du solltest mich nicht aus der Viláyan-Trance wecken!"

Der junge Marsianer breitet entschuldigend die Arme aus. Ich kämme mir erst einmal meine po-langen, metallicdunkelroten Haare.

"Es handelt sich um einen Notfall!" sagt er nachdrücklich. Ich habe immer noch Kopfschmerzen.

"Was denn für ein Notfall?"

"Die Avemta hat eine Triebwerksstörung, und alle Passagiere sollen sich umgehend in den Sicherheitsbereich des Schiffes begeben."

"Warum mußten wir auch ausgerechnet eine Passage auf der Avemta buchen, um vom Sol IV/Mars nach Accra II/Kara zu kommen!" seufze ich frustriert. Dieses Schiff macht seinem Namen alle Ehre -- ist doch Av'emta das Wort für den Urbeginn des Universums -- und so sieht der Kahn auch aus.

"Wir mußten diese Passage buchen, damit wir sofort den Anschluß an die Kara-Ellykádja-Route bekommen!"

Ay, ich mag es nicht, wenn er diesen schulmeisterlichen Tonfall anschlägt.

"éya vhaniána -- ich weiß..."

Wir sind auf dem Weg zu meinem Heimatplaneten, was ein recht kompliziertes Unterfangen ist. Normalerweise haben wir Amyshicy es nicht gerne, wenn alhmáyy, also Außenweltler, unseren Planeten besuchen. Deshalb gibt es kaum eine Fluglinie, die zwischen dem Raccis-Vála-System und alhmaya (Außenwelt) besteht.

Lediglich zwischen der Raccis-Vála IV/A'licadja (für Außenweltler heißt sie Rákhiswala IV/Ellykádja!) und Accra II/Kara verkehrt alle paar Wochen ein Passagierliner. Von der A'licadja zur Amyshica zu kommen, ist dann keine Schwierigkeit mehr, auch wenn die A'licadja in der Regel auch von den Amyshicy gemieden wird. Vérryth reißt mich aus meinen Überlegungen.

"Komm schon, Morgaine, wir müssen in den Sicherheitstrakt!"

Gestreßt nicke ich und zupfe meine knappe weiß/silberne Tunika zurecht, bevor ich nach meiner metallicblauen étholana, einen ca. 3--4m langen, 1m breiten Stoffstreifen, der auf verschiedene Arten drapiert werden kann, angele, die ich achtlos über die Lehne des Antigravsessels geworfen habe, der neben dem Bett und einem Klapptisch an der Wand den einzigen Einrichtungsgegenstand darstellt.

Oh, diese Versuchung, eben schnell hinauszureichen und das Große Muster dergestalt zu korrigieren, daß ich bereits wieder zu Hause bin... Aber nein, jede/r des Alten Volkes, der sich auf die physische Ebene begibt, verspricht, nur in Notfällen mit den Gegebenheiten des Universums zu spielen -- und außerdem bekäme ich sicherlich Ärger, wenn ich einem anderen Träumer in seinem Traum herumpfusche. Also lieber nicht.

Nachdem ich mir die schier endlose Stoffbahn lässig um die Schultern drapiert habe, folge ich dem fast zwei Meter langen Marsianer in die Schutzzelle der Avemta. Dort angekommen, stecken wir unsere ID-Karten in einen Schlitz neben dem Schott, und es öffnet sich.

Ein weißuniformierter, violetthaariger Karanyo blickt auf eine Computerfolie und nimmt uns in Empfang.

"Madame deQuésta und M'sieu Y'Cárrhyn, kommt bitte hier herüber." Er weist uns in einen Raum, in dem sich bereits mehrere Passagiere befinden. Vérryth und ich nehmen in einer Sitzecke Platz.

Wenige Minuten später betritt der Erste Offizier der Avemta den Raum. Auch sie ist weißuniformiert, wodurch die Tatsache noch mehr ins Auge fällt, daß die Frau eine Comaana ist -- leicht zu erkennen an der mittelblauen Hautfarbe und den orangeroten Haaren. Sie stellt sich als C. Céyo-M'han vor und beginnt sogleich, uns mit den Sicherheitseinrichtungen des Raumers vertraut zu machen.

Fatalistisch lasse ich den Monolog über mich ergehen. Auch die übrigen Anwesenden wirken leicht bis mittelschwer gelangweilt, etwas, das Céyo-M'han geflissentlich übergeht. Offensichtlich ist sie es gewohnt, daß ihr das Auditorium nur lustlos lauscht.

Tu'séanu sai'ishvára, so spielt das Leben, pflegt frau in diesem Falle auf der Amyshica zu sagen.

Als der Erste Offizier den Raum verlassen hat, um die übrigen Passagiere ebenfalls zu informieren, blicke ich mich neugierig um. Es sind ungefähr dreißig Personen anwesend -- überwiegend Humanoide, aber ich entdecke auch drei arachnoide Coaxi von Kraz VII/Nollakho, die sich in der zirpenden Sprache ihrer Art unterhalten, sowie einen der kupferfarbenen Eqini von Trélll IV/Eqixa. Der intelligente Robot von humanoider Gestalt sitzt ein wenig abseits und mustert die versammelte Gesellschaft ebenfalls mit offenkundigem Interesse. Die übrigen Anwesenden wiederum sind vorwiegend Karane, Marsianer und ein paar Terraner. Der comaan Erste Offizier, ich und eine uralte, rothäutige Cyrja-Irvén-Frau sind die einzigen Ausnahmen.

Die Irvénna steckt in einer tiefblauen, langen Kutte und ist sichtlich von hohem Rang, denn ihr nachtschwarzes Haar ist zu einem eigenwilligen Dutt aufgetürmt, den eine Art blaues Käppchen krönt. Die Frau macht eine herrische Geste, und zwei weißblonde, hochgewachsene Mars-Mädchen in langen, purpurnen Kutten springen auf und eilen zu ihr.

Ich stelle irritiert fest, daß die Irvénna kurz auf meine Wenigkeit deutet und dann den zwei Marsianerinnen einen Befehl erteilt, woraufhin diese anscheinend fluchtartig den Raum verlassen. Plötzlich fällt es mir wieder ein. Diese Alte ist eine Adayli-Hohepriesterin! -- Ay djárr, ausgerechnet! Es gibt vielleicht 18 Millionen Adaylis in der Galaktischen Union von Nehgqù-Xuqù, und eine von ihnen muß hier in der Avemta mitfliegen! Ich ziehe eine fatalistische Grimasse.

"Was hast du?" will Vérryth wissen. Er fährt mir durch die Haare.

"Délho, siehst du die Irvénna da drüben?"

"Die alte Frau mit dem komischen ...Dingsda auf dem Kopf?"

"Genau die. Sie ist eine Adayli-Priesterin."

"Auch eine Priesterin? Na, dann hast du ja sogar eine Kollegin hier an Bord." Oh, der Ahnungslose! Ich muß schwer an mich halten, um nicht laut loszuprusten.

"C'améstis, Vérryth -- Kollegin! Die Adaylis können uns Amyshicy auf den Tod nicht ausstehen. Sie halten uns für höchst unmoralisch."

"Warum? Weil euere 'Berufskleidung' so aufregend knapp ist?" Er wirft einen belustigten Blick auf meine Tunika, die man wirklich nur als 'Supermini' bezeichnen kann, bevor er mich kurz an sich zieht und mir einen Kuß gibt.

"Nein." Ich grinse ihn frech an.

"Oder liegt es daran, daß ihr im allgemeinen als recht freizügig in euren partnerschaftlichen Beziehungen bekannt seid?"

"Auch nicht. -- Nein, du mußt wissen, die Adaylis arbeiten auf die vollkommene Einheit von Körper und Geist hin -- koom-pa-ura, oder wie sie das bezeichnen. Wir Amyshicy dagegen lernen während unserer Ausbildung zu asthéryi, wie man Geist und Körper voneinander trennt. Im Zustand der Viláyan-Trance können die asthéryi, also Priester der 3. Stufe, alleine mit ihrem sâtsho -- ay, Bewußtsein! -- durch Raum, Zeit und Ebenen reisen. Die Adaylis halten das für pervers, woher ihre Abneigung rührt."

Hm, das ist nicht die ganze Wahrheit -- aber ich denke nicht daran, dem Marsianer etwas anderes zu erzählen, als die Informationen, die der Rat für Außenweltler freigegeben hat.

"Aha!" macht der junge Marsianer. Ich blicke wieder zu der Irvénna herüber, die mir ausdauernd giftige Blicke zuwirft. Ich kann dich auch nicht ab, du alte Schachtel! Nichtsdestotrotz lasse ich mir nichts anmerken und lächele sie zuckersüß an. Ihr von unzähligen Runzeln und Falten durchzogenes Gesicht verwandelt sich zu einer Grimasse abgrundtiefen Ekels, bevor sie sich an den gerade zurückgekehrten Ersten Offizier wendet.

"Ehrenwerte C. Céyo-M'han, würdet Ihr die Freundlichkeit besitzen, es diesem Subjekt..." Eine knorrige, sechsfingrige Hand deutet auf meine werte Person. "...anheim zu legen, sich aus dieser Räumlichkeit zu entfernen? Es stört mein sittlich-ethisches Empfinden."

Phé khântreevheláya! Was für eine unverschämte Alte!

"Was haltet Ihr davon, wenn Ihr geht, adyésca", erkläre ich hoheitsvoll. Die Lady zuckt zusammen, als ich sie mit dem äußerst unfeinen amyshicaan Schimpfwort für Adayli-Priester belege, macht ein paar Schritte auf mich zu und scheuert mir eine. Den übrigens Anwesenden erscheint die Reaktion der Irvénna unverständlich, da sie glücklicherweise meinen Kommentar nicht vollständig verstehen konnten.

C. Céyo-M'han sieht uns einen Moment schockiert an, dann zückt sie einen Paralyzer und betäubt die Irvénna mit niedrigster Strahldosis.

Natürlich habe ich mich ebenfalls im Strahlbereich befunden, aber in einer Notfallsituation ist es die höchste Priorität eines Offiziers der Schiffsführung, etwaige Ausschreitungen zu unterbinden. Daß ich jedoch sofort wieder quietschfidel auf den Beinen bin, irritiert sie beträchtlich, und so werde ich nebst der adyésca zunächst einmal zum Schiffsarzt Doktor Ayberk Oklü verfrachtet, einem mittelgroßen, dunkelhaarigen Terraner mit olivfarbener Haut, der uns sofort nach Strich und Faden untersucht.

Währenddessen wird der Alarm abgeblasen. Wenigstens etwas. Die Passagiere kehren erleichtert in ihre Kabinen zurück, nur ich und die Adayli liegen auf je einer Pritsche in der Medostation der Avemta und müssen allerlei völlig unnötige Tests über uns ergehen lassen.

In meinem Fall vollkommen überflüssig, das Ganze. Immerhin bin ich eine Amyshica. Für uns gibt es so etwas wie 'Krankheiten' nicht, denn wir stehen in ständigem und unmittelbarem Kontakt mit ta'nytháva'm adyvátha-bárhamahsi -- ayée, wie kann ich euch alhmáyy das nur auf einfache Art und Weise erklären? Daccù, sagen wir mal einfach 'das Große Muster des Universums' dazu -- das dürfte die eigentliche Bedeutung am ehesten versinnbildlichen.

Die Verbindung zu diesem universalen Grundmuster bedeutet für uns Amyshicy, daß wir direkten Einfluß auf das gesamte Universum nehmen können -- und natürlich auch auf unsere direkte Umgebung, wie auch auf uns selbst. Allerdings impliziert diese Fähigkeit auch eine ungeheure Verantwortung, die wir tragen müssen.

So ist es an uns, daß wir in der Regel nur beobachten.

Kleinigkeiten wie die vollkommene Körperregeneration sind jedoch bereits unterbewußte Aktionen, die wir gar nicht mehr zu steuern brauchen. Außerdem ist ein solcher Eingriff in ta'nytháva'm derart geringfügig, daß er keinerlei kosmische Auswirkungen zur Folge hat.

Endlich hat Dr. Oklü seine Untersuchungen an mir beendet. (An der Irvénna darf sich ein Krankenpfleger versuchen, wie ich amüsiert feststelle.) Er schüttelt fassungslos den Kopf.

"Unglaublich. Einfach unglaublich! Madame deQuésta -- ich habe noch keinen Menschen gesehen, dessen Gesundheitszustand derart perfekt war..." Ich grinse ihn an.

"Ich bin schließlich kein Mensch. Ich bin eine Amyshica." Ich gebe zu, diese Bemerkung war der Intelligenz-Kommentar Nr. 24, aber mir war gerade danach.

"Das ist noch etwas, das mich verwundert. Ich habe den MedoComp befragt, und nirgendwo ist eine einzige Information über amyshicanische Krankheiten oder ähnliches." Er schüttelt schon wieder den Kopf. Wenn er nicht aufpaßt, wird das noch chronisch.

"Es gibt keine Informationen darüber!" kläre ich ihn auf, "weil es gar keine amyshicaan Krankheiten gibt."

"Äh... Wie macht Ihr das?" Er bangt wohl um seinen Job als Mediziner.

"Auf der Amyshica ist das eine Angelegenheit der Philosophie. Aber ich bezweifle, daß Ihr als alhmáyo das verstehen würdet, Doktor", entgegne ich ein wenig herablassend. Ich will hier endlich raus.

"Wenn ich Euren Tonfall richtig interpretiere, dann haltet Ihr nicht allzuviel von "almadscho", was immer das ist!" bemerkt der Terraner etwas säuerlich. Ich mache eine wegwerfende Handbewegung.

"Alhmáyo heißt ganz einfach 'Außenweltler'. Falls Ihr darüber nicht informiert sein solltet -- die Amyshica ist eine syth á'bárrima."

"Eine Syth á'bárrima -- eine 'gesperrte Welt auf eigenen Wunsch'... Ungewöhnlich für einen Planeten mit hoher Kulturstufe, wie ich es bei Euch unterstellen würde." Ich lächele ihn nachsichtig an.

"Auch dies hat mit unserer Philosophie zu tun. Alhmáyy würden nur isháva'm -- äh, unsere Große Aufgabe -- stören."

Ebenfalls die vom Rat freigegebenen Kommentare.

"Faszinierend. Und was für eine 'Große Aufgabe' soll das sein?"

"Wir träumen das Universum." Soll er mich doch für ein bißchen exzentrisch halten...

"Wie bitte?!" Der Schiffsarzt starrt mich höchst irritiert an, als sei ich eine Amöbe, die plötzlich zu morsen anfängt, oder etwas ähnlich merkwürdiges.

"Wir träumen das Universum!" wiederhole ich einfach.

"Ihr träumt vom Universum?" erkundigt sich Doc Oklü unsicher.

"Nein. Wir träumen das Universum. Es gibt keine Wirklichkeit, nur kollektive Subjektivität -- und wir halten den Traum."

"Ich verstehe nicht ganz..."

'Nicht ganz' ist gut! Ay, alhmáyy! Aber lustig sind sie trotzdem. Der gute Mann guckt mich ein wenig mitleidig an. Bestimmt hält er mich für psychisch ein wenig gestört.

Manchmal wünschte ich, ich dürfte den Außenweltlern mehr erzählen, aber das würde die meisten nur unnötig in Verwirrung stürzen. Immerhin befindet sich die Amyshica nach der Benné'schen Skala der Entwicklungsstufen bei V. Die asháry-vhaúny, die 'Ältesten der Amyshica' sind längst bei Stufe Y angelangt. Dabei hört die Benné-Skala bei Z auf, und nicht einmal die Stufen T bis Y werden von allen hiesigen Wissenschaftlern als gesichert akzeptiert.

Zum Vergleich: Accra II/Kara, die Zentralwelt der Galaktischen Union, steht erst auf Stufe O. Die Karane waren bereits einmal auf Stufe R, doch damals, als der Bund der Vier Galaxien zerfiel, erhielten alle Zivilisationen einen schweren Rückschlag. Als sich Karas Mutterwelt Konja I/Cyrea abkapselte, brauchte der Tochterplanet lange Zeit, um sich davon wieder zu erholen.

Ich bequeme mich endlich, von der Liege zu kraxeln. "Kann ich jetzt gehen, Doktor? Der Befund war doch negativ."

"Ja, geht nur!" Der Arzt zieht ein Gesicht, das recht deutlich verrät, wie genehm ihm mein Abgang sein wird. Alhmáyo!

* * *

Als ich in meine Kabine zurückgehe, wartet Vérryth bereits dort auf mich.

"Nun?" erkundigt er sich neugierig. Er ist wirklich der geborene Reporter, dieser Marsianer. Ich lasse mich neben ihm auf dem Bett nieder.

"Was nun?" frage ich zurück. "Der Doc wollte mich nach allen Regeln der Kunst auseinandernehmen, als er aber nichts fand, hat er es dann doch sein gelassen."

"Aha. Was ich dich noch fragen wollte -- wie sieht eigentlich die Amyshica aus? Ist sie eher ein Wasserplanet oder eine Wüstenwelt?"

"Daß du aber immer gleich in solche Extreme verfallen mußt! Sie ist ein schöner Planet mit allem, was dazugehört -- und mehr. Warte es doch ab -- in ein paar Tagen wirst du sie selbst sehen."

"Bei den Monden des Jupiter, ich kann wirklich nur dem Schicksal danken, daß du mir in Nova-Athen über den Weg gelaufen bist. Gee, ich glaube nicht, daß irgendeiner der anderen Jung-Reporter mit so einer Abschlußarbeit zurückkommen wird!"

Aber auch ich bin nicht unzufrieden damit. Jetzt kann ich endlich einmal unsere sâvha'm asthérasi, die Vorsitzende des Hohen Rates der Amyshica-Priesterschaft, herausfordern und dabei gewinnen! Zur Zeit ist der sâvha'm asthéryisa (der Hohe Rat) zerstritten und in zwei Lager gespalten. Einmal sind es die zwölf Räte (mit insgesamt 16 Stimmen), die hinter V'árhain sha N'ynhain, der Vorsitzenden, stehen, und zum anderen die 13 Räte (mit ebenfalls 16 Stimmen), die den Hohen Rat C'ayvhedo vy N'ámvhue unterstützen.

Der große Streitpunkt der beiden Parteien ist der Spruch der syth á'bárrima. V'árhain ist der festen Überzeugung, der Spruch sei Tradition und dürfe deshalb unter gar keinen Umständen aufgehoben werden, während die Gruppe unter C'ayvhedo der Ansicht ist, diese Angelegenheit sei längst überholt, und man müsse die Amyshica wieder der Außenwelt öffnen.

Ich für meinen Teil finde, daß das eigentlich egal ist, immerhin sind wir sowieso nur zu unserem Vergnügen in dieser Daseinsform -- aber manche scheinen das irgendwie etwas zu ernst zu nehmen. Aber wenn man mich unbedingt zu einer Meinungsäußerung verpflichten will, finde ich C'ayvhedos Ansicht besser. Ein bißchen Abwechslung hat noch niemandem geschadet.

V'árhains stärkstes Argument war bisher, daß ein Außenweltler mit den Kraftlinien des Großen Musters interferiere, doch eine Gruppe asthéryi (Priester der 3. Stufe) unter M'árghain sha M'árvhain hat in einigen Experimenten nachgewiesen, daß ein solcher Einfluß von den Viláyan-unbegabten Außenweltlern gar nicht ausgehen könnte. Dies wird von der Hohen Rätin jedoch nicht anerkannt.

Ich für meinen Teil habe den Eindruck, ein Großteil der Amyshicy hat vergessen, wer wir eigentlich sind. Aber wenn es V'árhain anders nicht beizubringen ist...

Aus diesem Grund bin ich nach Außenwelt geflogen, um einfach einen echten alhmáyo auf die Amyshica zu bringen, und V'árhain sha N'ynhain so zu beweisen, daß gar nichts geschehen würde. Ich lächele den Marsianer an, bevor ich die Arme um ihn lege. Abgesehen davon gefällt er mir auch anderweitig. Ayée, ich kann es mir wieder mal nicht verkneifen, in seinen schimmernd weißen Haaren herumzuwuscheln -- eine meiner Lieblingstätigkeiten. Daraufhin küßt er mich erst einmal -- eine weitere meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich glaube, es dauert eh noch ein Weilchen, bis die Avemta auf Accra II/Kara ankommt -- bis dahin ziehen Vérryth und ich uns diskret zurück.

* * *

&

quot;Morgaine!"

"Mh?" Ist was? Ich habe keine Lust aufzustehen. Ich hatte noch nie Lust dazu aufzustehen, soweit ich mich erinnern kann. Vérryth jedoch läßt nicht locker.

"Morgaine!"

"Vérryth. Was ist?"

"Wir landen!"

"Ah, wir landen! Super!" -- Sehr geistreicher Kommentar, ich geb's zu, aber es ist wohl doch noch ein wenig früh am Morgen, oder? Ay, eher spät am Morgen, sehe ich gerade. Ayée, auf jeden Fall ist es kurz nach dem Aufstehen, also zu früh für mich. Ich kuschele mich hingebungsvoll an den jungen Marsianer (er ist einfach niedlich!) und denke gar nicht daran, mich in absehbarer Zeit erheben zu wollen. Vérryth rupft mir die Bettdecke weg. Gemeinheit! Hm... Soll ich mal eben im Großen Muster -- nein! Ich darf ja nicht. Es ist nicht leicht, ein stoffliches Kind des Ersten Prinzips zu sein.

"Muß das sein?" erkundige ich mich gestreßt, bevor ich ihm einen Kuß gebe. Vielleicht sollte ich mich mit ihm zudecken; das wäre jedenfalls zu überlegen. Vérryth nickt belustigt.

"Sicherlich. Die Avemta hat nur fünf Stunden Aufenthalt, bevor sie nach Accra III/Thrall weiterfliegt."

"Schade. Naja, kann frau wohl nichts machen." Langsam aber sicher krauche ich nun doch aus den Federn, um meine diversen Kleinigkeiten zusammenzusuchen etc. Die Aussicht, endlich aus diesem fliegenden Schrotthaufen herauszukommen, stimmt mich gleich fröhlicher. Nachdem die Avemta auf dem Raumhafen der karanischen Metropole Keara-Lerát aufgesetzt hat, werden die Passagiere zunächst durch eine Dekontaminatio-Schleuse direkt zur Personenkontrolle gelotst.

Als Leute und Gepäck sorgsamst durchleuchtet und angeblich datenklausicher im Archivcomp registriert sind, dürfen alle ihren Geschäften nachgehen. Das heißt, ich darf erst einmal wieder ungezählte Fragen beantworten und Formulare ausfüllen, weil man mich als Amyshica identifiziert hat. Und da mein Heimatplanet eine gesperrte Welt auf eigenen Wunsch ist... Ich werde V'árhain bei meiner Rückkehr gelegentlich die Meinung über diesen Papierkrieg erzählen; vielleicht schreibt er mal einen Artikel darüber, der all das ausgiebig anprangert.

Vérryth und ich quartieren uns bis zur Ankunft des Liners Eascíra, der uns zur Raccis-Vála IV/A'licadja -- ayée, ich meine zur Rákhiswala IV/Ellykádja! -- bringen soll, in das Hotel Tíraan ein. Das Schiff sollte morgen abend vom Raumhafen Kara-Central/Keara-Lerát starten.

"Ich möchte ein wenig durch die City bummeln, Morgaine", meint der Marsianer zu mir. Ich habe eigentlich nicht unbedingt das Bedürfnis danach und schüttele den Kopf. Diese Geste muß ich mir bei meinem kurzen Aufenthalt auf dem Sol IV/Mars angewöhnt haben. Tsayée! Normalerweise zeigt frau ihre Ablehnung doch durch eine waagerechte Bewegung der linken Hand (mit ausgestrecktem Zeige-- und Mittelfinger) auf Brusthöhe!

"Ay, ich habe keine Lust dazu. Ich möchte noch ein wenig vhílyánam -- jee, wie sagtest du noch dazu? 'meditieren'{}?"

Das Wort stimmt nicht ganz. vhílyánam, d.h. 'sich in Viláyan-Trance versetzen', ist mehr als meditieren. Es bedeutet, den sâtsho (das Bewußtsein) vom physischen Körper zu lösen und mit dem imago (Geistkörper) das Universum zu durchstreifen.

"Na gut." Vérryth ist nicht übermäßig begeistert von meinem Entschluß. Tu'séanu sai'ishvára. Schulterzuckend zieht er von dannen. Ich hole meine nedana (Meditationsmatte) aus meinem Gepäck und breite sie auf dem Boden aus, bevor ich mich von meiner étholana, Gürtel, Handschuhen und Stiefeln befreie. Als ich noch kurz die Toilette aufsuchen will, um mich ein wenig zu erfrischen, stolpere ich natürlich -- ganz wie üblich! -- über meine Stiefel. Ay djárr!

Prompt werden sie in eine Ecke gekickt, zu den Handschuhen und der étholana. Endlich mache ich es mir auf der nedana bequem und entspanne mich...atme ruhig und gleichmäßig...ganz ruhig...langsam reiht sich mein sâtsho in die kosmischen Energieströme ein, und mein imago geht auf die Reise. Ich gleite auf unfaßbaren Pfaden durch das All -- Sonnen tanzen ihren Reigen im Meer der Dunkelheit -- und endlich erreiche ich den goldgelben Stern Raccis-Vála, dessen sechster Planet die Amyshica ist. Hier liegt die khântreevheláya, das Zentrum des Traumes, der Ursprung des Großen Musters.

Aber vielleicht sollte ich euch zum besseren Verständnis erst einmal etwas über den Ursprung des Universums erzählen, denn selbst zu dieser Zeit hatte die Amyshica schon eine wichtige Rolle gespielt.

* * *

Wenn das alte All erloschen ist, wenn sich Frage und Antwort gefunden und erkannt haben, ist eine is'séyéda (ein kosmischer Zyklus) abgeschlossen. So war es vor fast 23.5 amyshicaan Zyklen, was etwa 17.408 Milliarden terranischer Jahre entspricht, und so wird es auch zum Ende dieser is'séyéda wieder sein.

Aus der Verbindung von Frage und Antwort entstand das Erste Prinzip des neuen Universums: CEVEDÙ, 'tai scymálth' ('der Träumer'). Mit einer vagen Erinnerung an das alte All träumte er das neue. Zuallererst schuf er khântreevheláya, das Zentrum des Traumes: eine Idee, ein Modell, nach dem das Universum gestaltet wurde: ta'nytháva'm adyvátha-bárhamahsi -- das Große Muster des Universums. In dieses war und ist jede winzige Einzelheit des Kosmos einbeschrieben, angefangen vom Tanz der Galaxien bis hin zum scheinbar zufälligen Umherdriften interstellarer Staubpartikelchen. Gleichsam mit dem Großen Muster entstand auch schon Die Frage des neuen kosmischen Zyklus, das Zweite Prinzip: STAIE, 'tai khéstá'.

Sie verkörpert die Suche nach dem Sinn des Seins, und aus ihr wird dereinst auch der nächste Träumer hervorgehen. Neben STAIE träumte CEVEDÙ noch ein Volk von Geistwesen, die das Große Muster hüten und weiter träumen sollten, die Amyshicy, was bedeutete 'die Kinder des Ersten Prinzips'.

Mit der Zeit formierte sich das Universum so, wie ihr es jetzt kennt: Unterteilt in évanyale (kosmische Ebenen) und syt'anyale (Zeitebenen) und angefüllt mit Sternen und Planeten, immer gemäß der Ordnung, die das Große Muster vorschrieb.

Doch eine gab es, die durch ihr bloßes Sein das Gleichgewicht der Ordnung störte: STAIE, 'tai khésta', die von den Amyshicy auch ta'shaya ta'si av'emta genannt wurde -- die Tochter des Ursprungs. STAIE reiste durch das junge Universum, stets auf der Suche nach der Letzten Antwort. Sie fragte und legte Die Frage in die Herzen der Wesen des neuen Kosmos -- und somit wurde das Dritte Prinzip des Universums auf den Plan gerufen: die, die die Handlung verkörpert, ISTHÁNYA, 'tai dooya'. Sie, die ta'shaya ta'si iqùnah, die Tochter des Gleichgewichts ist, kennt kein Gut, kein Böse, nur die Aktion. Sie ist das Ergebnis der Aufspaltung der Einheit in die zwei Prinzipien VARYS und TESCIA, die sich gegenüberstehen und ergänzen wie hell und dunkel, böse und gut, positiv und negativ, ohne daß jedoch festgelegt werden könnte, welches der Prinzipien nun das bessere wäre.

Auch diese Prinzipien haben Verkörperungen als universale Prinzipien: SHAVAL, 'tai scérca' ('die Sucherin'), ist die Vertreterin des VARYS-Prinzips, während VILAYA, 'tai vhílya' ('die Reisende') für TESCIA steht. Sowohl SHAVAL, als auch VILAYA begleiten STAIE auf ihrer ewigen Suche. Wenn die Tochter des Ursprungs nun dereinst den Sohn des Gleichgewichts (to'vyyo ta'si iqùnah) trifft, bedeutet das das Ende dieses kosmischen Zyklus.

Doch bis dahin werden noch gewaltige Energien die leylenée (Energielinien zwischen den évanyale) entlangströmen, unzählige Welten geschaffen und Träume geträumt -- und dann erscheint das Sechste Prinzip, LARIKÙ, 'tai ascyálth' ('der, der die Antwort ist').

Aber zurück nun zu den Kindern des Ersten Prinzips. Waren die Amyshicy auch reine Geistwesen, so begab es sich, daß durch den Traum ein Sonnensystem dort entstand, wo sich die khântreevheláya befand.

Dieses System gehorchte keinem der Naturgesetze, die für das Universum galten, denn zu eng war es mit dem Großen Muster verbunden. Seit Anbeginn der Zeit strahlte die Sonne in lichtem Gold auf ihre neun Planetenkinder, und die Amyshicy gaben ihr den Namen râccys vála aythasi oder in der Sprache der Außenweltler 'ewige Herrscherin des Lichts'. Der sechste Planet, der eine besondere Affinität zu ta'nytháva'm hatte, wurde zu Ehren des Ersten Prinzips (amy sheeca) CEVEDÙ 'Amyshica' genannt.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich auch Planetensysteme um viele der Sonnen, die zu den neu entstandenen Galaxien und Sternhaufen gehörten, und irgendwann brachte die Evolution intelligentes, stoffliches Leben hervor. Die Amyshicy beobachteten die Vorgänge im Universum durch das Große Muster und ergötzten sich an den kleinlichen Taten und Handlungen der materiellen Wesen, und irgendwann wurde ein Teil der Kinder des Ersten Prinzips ihres geistigen Daseins überdrüssig. Sie beneideten die stofflichen Existenzen um ihre Lebensart und beschlossen, sich ebenfalls materielle Körper zu schaffen und sich auf der Amyshica niederzulassen.

Dies teilte die Av'emtyi, dieses älteste der Alten Völker, in zwei Lager: diejenigen, die weiterhin im Zustand der sattâvha, der geistigen Form, verharren wollten und jene, die das physische Leben vorzogen. Die geistigen Amyshicy zogen sich wieder auf ihren Beobachtungsposten zurück und wurden die asháry-vhaúny (die 'wahren Weisen'), während die stofflichen Amyshicy die Welt Amyshica so herrichteten, daß sie durchaus als 'normale' Welt angesehen werden konnte. Sie formten Kontinente, Meere, Inseln, Städte, Pflanzen, Tiere -- bis die Amyshica nach ihrer Ansicht ein vollkommener Planet war. Allerdings schaffen die Gedanken aller hier lebenden Wesen immer neue Formen, so daß man nach zehn Schritten unter Umständen in einer ganz anderen Welt steht als der, von der aus man losgegangen ist.

Auch dem Großen Muster verliehen die Amyshicy eine quasi-materielle Erscheinungsform. Wie eine Kugel aus flimmernder Nacht schwebt es über der Traumebene, wo sie sie den Tempel des Universums, die kosha-adyvátha-bárhamahsi erdachten. Dieser Tempel entspricht aber in nichts einem Heiligtum der stofflichen Wesen. Die kosha-adyvátha-bárhamahsi ist mehr eine Idee, die jeder Amyshicu in Gedanken betreten kann, ohne einen anderen dabei zu stören.

Ein Amyshicu ist jeweils dazu ausersehen, das Große Muster in seiner quasi-materiellen Erscheinungsform zu stabilisieren, und jeder Amyshicu, der die Traumebene betritt, gelangt zu seinem Tempel des Universums und kann für sich das Große Muster beobachten.

So geschah es, daß das Volk Amyshica entstand.

Die übrigen Rassen lebten in völliger Unwissenheit ob des Volkes der Wächter, doch mit der Zeit wollten die Amyshicy auch selbst einmal die Welten der jungen Rassen besuchen, und langsam aber sicher wurde man dort der geheimnisvollen Humanoiden gewahr, die hie und dort auftauchten, um zu beobachten, aber sich selbst in Schweigen über ihre Herkunft hüllten.

Ab und zu fiel der Name Amyshica und wurde zum Sinnbild für das Mysterium der Fremden. Sowohl Männer als auch Frauen waren hochgewachsen und von titandioxidweißer Hautfarbe, mit metallicdunkelroten Haaren und silbergesprenkelten, kobaltblauen Augen -- so völlig unähnlich allen bekannten humanoiden Rassen der drei großen Blutlinien von Cyrea, Laan und S'selite.

(Alle humanoiden Rassen werden in eine dieser Völkerfamilien eingeteilt. So ist die Cyrea-Linie diejenige mit rotem (Hämoglobin--) Blut, zu der z.B. Karane, Terraner, Irvénni, Marsianer etc. gehören, die Laan-Linie hat blaues (Hämocyanin--) Blut -- bekannte Vertreter sind z.B. die Comaany, Svyéty und Syaane -- und die S'selite-Linie ist die, deren Abkömmlinge grünes (Chlorocruorin--) Blut haben, wie z.B. die Kaskáez, M'yrtaz, Delynnyr und Fáhgûna.)

Manche hielten die Amyshicy für Engel, und andere nannten sie Hexen und Teufel, denn ihre Fähigkeiten, so sie diese zeigten, waren Legende, und sie kannten weder Alter, noch Krankheit, noch Tod. Außerdem stellte es sich heraus, daß sie jenseits von Gut und Böse standen -- sie wandten sich nicht mit Abscheu von Greueltaten ab, noch unterstützten sie diese, und sie halfen oder hinderten auch nicht, wenn Gutes getan wurde. Die Amyshicy waren einfach unbestechliche Beobachter, und hin und wieder, wenn sie es für richtig erachteten, auch Ratgeber, wobei sie ihre Ratschläge sowohl der einen wie auch der anderen Seite zukommen ließen.

Jedoch stellte es sich im Laufe der Zeit heraus, daß die Amyshicy begannen, Eigenschaften der jungen Völker zu übernehmen, und nunmehr fingen auch die Kinder des Ersten Prinzips an, Partei zu ergreifen, wo sie es eigentlich nicht hätten tun dürfen. So begab es sich, daß der Hohe Rat der Priesterschaft (ta'sâvha'm asthéryisa), um weiteres Unheil zu verhindern beschloß, die Amyshica zur syth á'bárrima (gesperrte Welt auf eigenen Wunsch) zu erklären. Es war M'arhlynh vy N'ámvhue (Mérlin daNimue), der den Spruch verhängte, und es bedeutete, daß es Außenweltlern unter allen Umständen verboten war, jemals die Amyshica zu betreten, und daß es unter den Amyshicy nunmehr verpönt war, alhmaya (Außenwelt) zu besuchen.

Diese Situation bestand lange Zeit, bis jetzt, wo einige Amyshicy sich dafür einsetzen, daß der Spruch der syth á'bárrima wieder aufgehoben wird. Naja, das ist die derzeitige Lage.

* * *

Im Augenblick allerdings ist mein imago auf dem Weg zur Amyshica, um in das Große Muster einzutauchen und so neue Energien aus den leylenée zu schöpfen. Ich drifte an Ashca vorbei, dem einzigen Mond der Amyshica und tauche in die Atmosphäre ein.

Vor mir liegt die gewaltige, zyklamenfarbene Traumebene, die reevhanyal, mathematisch vollkommen plan, darüber der ebenso hellviolette Himmel, der von fedrig weißen Wolkenschleiern durchwoben ist. Nun erreicht mein Geistkörper die kosha-adyvátha-bárhamahsi, ein gewaltiges, in den Boden eingelassenes Fünfeck, dessen einzelne Stufenebenen man über mehrere Rampen erreichen kann.

In der khântra, dem Mittelpunkt des Tempels, leuchtet ein milchweißes Fünfeck, das von schimmernden Kraftlinien durchzogen ist, deren Gleißen den diensthabenden asthéro in seinem Zentrum in magisches Licht taucht. In seiner schneefarbenen Robe mit gleichfarbiger Haut und nur dem unirdisch metallglitzernden Rot seiner Haare, wirkt er wahrlich wie ein Wesen aus einer anderen Sphäre. Mein sâtsho berührt den Geist des asthéro. Ich erkenne C'éhadric vy P'yrdhain (Cedric daPardeen).

"C'éhadric, ich grüße dich!"

"Auch du seist gegrüßt, M'árghain."

"Ich erbitte das Große Muster in meine Hände."

"Frage oder erhalte."

"Ich frage den Geist des Träumers."

"So sei es denn." Vor meinem geistigen Auge löst sich der asthéro C'éhadric auf, und ich spüre, wie ich in den Energieströmen des Großen Musters pulsiere. Allüberall erfahre ich die Anwesenheit CEVEDÙs wie ein unhörbares, mentales Wispern, daß sich um mein imago legt.

"Ich grüße dich, kleine Tochter M'árghain, du hast eine Frage?"

"Auch du seist gegrüßt, CEVEDÙ, Sohn des Ursprungs. Siehst du, welche Veränderungen auf die Amyshica zukommen werden?"

"Ich sehe Veränderungen auf allen Welten des Alls -- VARYSIAN, TESCIAN und noch viel mehr. Auch die Kinder des Ersten Prinzips sind davon betroffen."

"Mehr willst du nicht sagen?"

"Mehr darf ich nicht sagen, kleine Tochter. So wie auch STAIE Die Antwort erst erkennen muß, wenn sie sie auch gefunden hat, so müßt ihr erkennen, wann die Zeit der Wandlungen ruft.

"Ich danke dir, C'ayvhedo vy Av'emta, der du 'der Träumer' bist. Träume weiter bis ans Ende der Zeiten, CEVEDÙ!"

Schon ist CEVEDÙ, 'tai scymálth' wieder verschwunden und in den Netzen der reevheláya, des kosmischen Traumes, verstrickt. Ich erneuere meine Kräfte, indem ich von den leylenée zehre, die das Große Muster, wie auch das Universum durchziehen, und die auch die Verbindung zwischen ta'nytháva'm und All darstellen. Als ich mich wieder vom Großen Muster löse, berühre ich noch einmal den sâtsho des asthéro C'éhadric vy P'yrdhain, um ihm Bescheid zu geben, daß ich wieder fortgehe.

"Hast du deine Antwort erhalten?" fragt er formell.

"Der Geist des Träumers öffnete sich mir!" gebe ich ebenso formell zurück. "Ich fand, was ich suchte, und nun werde ich gehen."

"Lebwohl, M'árghain sha Q'ésthain."

"Auch dir Lebwohl, C'éhadric vy P'yrdhain." Ich verlasse die Amyshica und mache mich auf den Rückweg nach Accra II/Kara.

Nebenbei, M'árghain sha Q'ésthain ist mein 'richtiger' Name, den ich auf der Amyshica trage, mein sheya. Außenweltlern gegenüber heiße ich aber immer noch Morgaine deQuésta (das ist mein imaya oder Außenweltname). Überhaupt hat jeder Amyshicu ein sheya und ein maya, z.B. ist C'éhadric vy P'yrdhain ein sheya und der dazugehörige Außenweltname wäre Cedric daPardeen. Die Prinzipien haben außer maya und sheya noch ein sheecya, den 'Prinzipnamen'.

Als Beispiel nehme ich einmal das Erste Prinzip des Universums. Sein sheecya ist CEVEDÙ, 'tai scymálth', das sheya ist C'ayvhedo vy Av'emta, und sein maya ist Cayvédo dayAvemta.

STAIE, 'tai khéstá' wiederum ist S'ílestayka sha Av'emta. Bei den anderen Prinzipien sieht es ebenso aus. Ay, ich liste sie mal einfach der besseren Übersicht hier auf!

Genug davon! Ich kehre nun in meinen physischen Körper zurück. Diesmal erwache ich langsam -- ohne Brummschädel. Vérryth ist immer noch nicht von seinem Stadtbummel retour. Ich fühle mich zur Zeit ziemlich frisch. Die Energien der leylenée haben mir gut getan.

Als der Marsianer aus Keara-Lerát-City wiederkehrt, lädt er mich ganz formvollendet zu einem Essen in einem sündhaft teuren karanischen Restaurant ein. Naja, eigentlich brauchte ich überhaupt nicht zu Essen -- aber ich will ihm den Spaß nicht verderben. Außerdem zahlt die Info-Gruppe, bei der er in der Ausbildung ist, jegliche Spesen, wie Vérryth mir glaubhaft versichert. Ich hülle mich per Gedankenimpuls in einen nachtschwarzen Overall, der von winzigen, regenbogenfarbig lumineszierenden Partikelchen übersät ist, dazu ein bodenlanges, blauschwarzes Cape und gleichfarbige lange Handschuhe und Stiefel, ein winziger Eingriff in das Große Muster. Es hat schon seine Vorteile, wenn frau eine Amyshica ist! Vérryth hat nur staunend dabeigestanden.

"Wie machst du das bloß?"

"Das Universum ist ein Traum, und jeder der selbst aktiv träumt, kann das Universum schaffen."

Vérryth sieht mich zweifelnd an, dann macht er eine Geste zur Tür. Er hat offenbar beschlossen, dies nicht weiter zu verfolgen, damit sein 'gesunder Menschenverstand' keinen Schaden erleidet.

Wir spazieren hinunter auf die Himmelspromenade, einen antigrav-stabilisierten Gleitweg aus einem fast unsichtbaren, glasklaren Material, der sich vom Boden bis in über dreihundert Meter Höhe hinaufschraubt und geradewegs in die City von Keara-Lerát führt. Dieser Gleitweg führt dem unbedarften Besucher wieder einmal die überragende karanische Hochtechnologie vor Augen. Wenn man den Weg betritt, wird man übergangslos und ohne eigenes Zutun bis zur Kernzone gezogen, wo sich der Hochgeschwindigkeitsbereich befindet. Ein Schritt zur Seite löst einen gegenteiligen Mechanismus aus, anders als zum Beispiel auf dem Mars, wo man umständliche Umsteigemanöver über mehrere Gleitbänder benötigt, um das schnellste zu erreichen. Auf Kara gibt es allerdings nur eine Standardgeschwindigkeit im Gegensatz zu den fünf Stufen der marsianischen Gleitbänder. Alles hat seine Vor-- und Nachteile.

Nach etwa zwanzig Kilometern senkt sich die Himmelspromenade wieder auf Bodenlevel und wird zu einem offenen Weg. An den Seiten sind verschiedene Markierungen angebracht, je nachdem wo man auszukommen gedenkt, wenn man sich von der Promenade begibt. In der Stadt selbst ist die Geschwindigkeit auch weit geringer als auf den Zubringerstrecken, die nonstop von außerhalb in die City führen.

Gerade leuchtet die Holoprojektion des Shatram-Restaurants zu unserer Linken auf. Ich fasse Vérryth bei der Hand, und wir lassen uns vom Gleitweg ziehen. Als wir stehen, befinden wir uns direkt in der Eingangshalle des Shatram, das sich als antaeisches Spezialitäten-Restaurant entpuppt.

Naja, ich bin gespannt. Die Antaei sind für ihre Blumen-Gerichte bekannt. Auf Hemonda IV/Antae herrscht eine Treibhausatmosphäre, die zu extremem Pflanzenwuchs auf dem Planeten führt, und gerade die fleischigen Blütengewächse sind als wohlschmeckendste Nahrungsquelle erschlossen worden. Zum Glück ist Antae von Lebewesen der Cyrea-Linie bevölkert, so daß in bezug auf die Verträglichkeit der Lebensmittel für Vérryth kein Problem entsteht. Für mich ohnehin nicht.

Als wir uns in der Gaststätte umsehen, nickt Vérryth anerkennend. Der Speisesaal ist nach original antaeischem Vorbild gestaltet: die Eßnischen schweben frei in einer ausgedehnten Halle zwischen unzähligen blütenübersäten Lianen-- und Rankengewächsen herum. Ein dunkelhäutiger Antaero dirigiert eine Antigravscheibe zu uns her, die uns in eine unbesetzte Nische befördert. Kaum, daß wir Platz genommen haben, schwebt dieser 'Zubringer' wieder davon. Ein Holoschirm in Augenhöhe über dem Tisch läßt auf Knopfdruck das Speiseangebot fast wie in natura sichtbar werden, sowohl visuell als auch mit Aromaprojektion. Der Verführung eines Velvasia-Soufflés kann auch ich nicht widerstehen, und ich ordere mir dasselbe.

Vérryth hat sich Ter-Lianenmarkklößchen mit Nunuwia-Pürree bestellt. Keine fünf Minuten nach unserer Bestellung schwebt ein kleiner kastenförmiger Robot heran, der die Gerichte vor uns auf den Tisch praktiziert und prompt wieder verschwindet.

Die Köstlichkeiten, die nun vor uns ausgebreitet sind, zu beschreiben, entzieht sich fast meinem Vermögen. Stellt euch ein zartfliederfarbenes Soufflé vor, das neben einem angedeuteten Zimt-Vanille-Aroma von kunstvoll hineinpraktizierten Honig-Schokolade-Schichten duftet und mit einem weiteren unbeschreiblichen, exotisch-süßen Geschmack auf der Zunge zergeht. Vérryths Mahlzeit hingegen ist herzhafterer Natur. Scharfes, weißes Ter-Lianenmark mit süßsäuerlicher Note zu herbbitterem Pürree aus blaugrünem Nunuwia-Moos, garniert mit den rotgoldenen Blütenknospen der Gisan-Rosette.

Nach diesem wahrhaft fürstlichen Mahl kehren wir in das Hotel Tíraan zurück, wo wir auf die Ankunft der Eascíra warten, die uns morgen abend zur A'licadja bringen soll.

* * *

Am 14:10:2164TZ gehen wir an Bord des Raumschiffs Eascíra. Der marsianische Reporter sitzt an einem Terminal, blättert in dem Reiseprospekt und pfeift anerkennend durch die Zähne.

"Nicht übel, Morgaine, wirklich nicht übel! Ein Kreuzer der Iadron-Klasse, Baujahr 2163TZ. Und schnell! Der Liner bringt es auf lockere 0.75pc/h!"

Das ist wirklich nicht schlecht für einen zivilen Raumer. Ungefähr fünf Tage von Accra II/Kara bis zur Raccis-Vála IV/A'licadja -- doch, eine passable Zeit. Die Avemta hatte für die Hälfte der Entfernung fast vier Tage gebraucht!

* * *

Am 19:10:2164TZ kommen wir endlich auf der Rákhiswala IV/Ellykádja an. Als wir im Raumhafen Ellykádja-Central/Tentagill aussteigen, um auf die Fähre zur Amyshica zu warten, kommt sich der Marsianer etwas merkwürdig inmitten der ganzen titandioxidweißhäutigen Menschen aus dem Rákhiswala-System vor.

(Es gibt nur sehr selten wirklich weißhäutige Rassen. Die Fezeaner gehören dazu und die Saveenye -- aber mehr fallen mir im Augenblick auch nicht ein. Dabei muß ich aber anmerken, daß sowohl bei den Saveenye als auch bei den Fezeanern die Haare keine Metallic-Schattierung haben -- Saveenye haben schwarze, Fezeaner schneeweiße Haare. Die Rassen der Amyshica-Gruppe haben rote (Amyshicy), türkisblaue (A'licadjy) und grüne (S'sápadyyi) Haare -- aber alle mit Metallic-Effekt.)

Während Vérryth sich neugierig umsieht, wird auch er ob seiner blaßbräunlich getönten Haut von den A'licadjy bestaunt. Außenweltler sind selten auf den Planeten dieses Systems und fallen sofort ins Auge. Plötzlich löst sich ein rothaariges (!) Mädchen von einer A'licadja-Frau und läuft auf mich zu. Ich bin verblüfft. Es ist sehr selten, daß die rezessiv entworfenen amyshicaan Gene bei den Einwohnern der beiden anderen Planeten wieder zutage treten. Andererseits ist es auch ganz gut so, denn unsere geistigen Fähigkeiten wurden unmittelbar an das Gen gekoppelt, das uns auch unsere Haarfarbe verleiht.

Das A'licadja-Mädchen sieht mich mit großen Augen an und macht dann die Geste für Ehrerbietung und Hoffnung auf Segen.

"Seid gegrüßt, veyrán asthérys -- Hohe Dame der Priesterschaft!" Ich lächele sie freundlich an und gebe die traditionelle Erwiderung.

"Auch du seist gegrüßt, meerián déristhárys -- kleine Elèvin-Anwärterin vor der Aufnahme." Das Mädchen gehört eindeutig auf die Amyshica! Wenn sie ihre Fähigkeiten entfaltet ohne von einer erfahrenen asthérys geleitet zu werden, könnte sie ihre geistige Stabilität verlieren und zu einer großen Gefahr für ihre Umgebung werden. Im schlimmsten Falle könnte sie sich gar zu einer Gefahr für einen Teil des Universums entwickeln! Ay Av'emta, manchmal sind die amyshicaan Gaben ein fürchterlicher Fluch! Ich seufze auf, während das Mädchen mich anstrahlt und ausgelassen zu ihrer Mutter hüpft.

"Ay, A'ryánrod, die asthérys hat mich déristhárys genannt!"

"Sch, L'yónors, du weißt genau, daß nur Amyshicy zu den asthéryi gehören!" winkt die Frau unwirsch ab. Auch bei ihr kann ich wieder diese Mischung aus Ehrfurcht, Scheu und Abneigung spüren, die die Bewohner von A'licadja und S'sápadya uns gegenüber meist an den Tag legen. Ich trete vor, Vérryth völlig ignorierend.

"Entschuldigt, veyrán madhánys -- verehrte Dame!" unterbreche ich die goldgekleidete Frau, "aber es ist durchaus möglich, auch A'licadjy und S'sápadyyi zu asthéryi auszubilden, wenn sie die Gaben besitzen, die sie benötigen. Und Eure kleine L'yónors gehört zu den so Gesegneten, nicht umsonst gleicht sie den Amyshice mehr als den A'licadje." Ich wende mich an das Mädchen. "Wie alt bist du, L'yónors sha A'ryánrod?" Die Kleine runzelt die Stirn.

"Zwölf rávainy, veyrán asthérys!"

"Nun, wenn du dreizehn rávainy (9.7 Jahre TZ) alt bist, dann bist du in den Reihen der istháryi willkommen." Ich kann mich irren, aber irgendwie habe ich den Eindruck, als ob die Frau A'ryánrod ein wenig erleichtert wäre. Sie macht eine angedeutete Verbeugung.

"Ihr ehrt meine Tochter und mich, veyrán asthérys. Ich danke Euch."

"Ihr braucht mir nicht zu danken, veyrán madhánys; es ist nur recht und billig, daß die Kinder der Amyshica angemessen unterwiesen werden. L'yónors sha A'ryánrod" -- ich verwende bewußt die amyshicaan Namensform für das Mädchen -- "wenn Ihr in einer Rávainy die Amyshica aufsucht, dann fliegt nach Ashiméa am Golf von Shima und fragt nach der asthérys M'árghain sha Q'ésthain. Die Ehre ist an mir, von Euch zur dokh-asthérys (Lehr-Priesterin) erwählt worden zu sein!" beende ich meine Rede mit der traditionellen Formel. Die A'licadja-Frau und ihre kleine Tochter verabschieden sich von mir. Der marsianische Reporter schüttelt verwundert den Kopf.

"Sag mal, Morgaine, war das dein Ernst?"

"Was meinst du, Vérryth?" Nun ist es an mir, verwundert zu sein.

"Wenn ich dich richtig verstanden habe, hat dich dieses Mädchen als seine Lehrerin erwählt..."

"Ja und?"

"Nun, ich dachte, du wärst im Hohen Rat der Amyshica-Priesterschaft!"

"Das bin ich auch -- wieso fragst du?"

"Nun, darfst du denn überhaupt unterrichten? Ich meine, hast du ein Examen oder so?" Ich beginne schallend zu lachen.

"Ay, Außenweltler! Wer immer es geschafft hat, die Prüfung der asthéryi zu bestehen, kann auch das, was er oder sie weiß, an einen Schüler weitergeben! Dabei ist es völlig irrelevant, ob der betreffende asthéru nun Archivant des Wissens um die leylenée ist oder ein Hoher Rat der Priesterschaft! Bei uns ist es der Schüler, der seinen Meister erwählt, und kein dokh-asthéru hat sich jemals geweigert. Ich war jetzt für gut zwei Rávainy nicht mehr auf der Amyshica und habe daher meine vormaligen beiden Elèven gebeten, ihre Ausbildung bei einer Freundin von mir zu vervollkommnen. Sie haben mir diesen Gefallen getan, sonst hätte ich erst ihre Lehrzeit beenden müssen, bevor ich nach Außenwelt hätte gehen dürfen. Die kleine Leonore deyArienrhod ist im Augenblick meine einzige déristhárys."

"Hm... Leonore deyArienrhod... Du hattest sie aber doch irgendwie anders genannt -- Lii'ohnors scha Arr'jannrodd oder so..."

"L'yónors sha A'ryánrod. Das ist ihr sheya oder systeminterner Name. Genau wie ich M'árghain sha Q'ésthain heiße, du mich aber Morgaine deQuésta zu nennen hast. Einmal ist es für Euch Außenweltler einfacher auszusprechen, und zum anderen gehört es sich nicht, wenn ihr uns mit unseren sheye ansprecht."

"Schon gut, schon gut, war ja nur eine Frage." Er kneift die Augen zusammen. "Aber deshalb hast du wohl auch anstelle von Ellykádja 'Alliikadschi' und anstelle von Ssapajja 'Sdsah'padschji' gesagt."

"Mhm!" brummele ich zustimmend. Es wäre wohl müßig, ihm zu erklären, daß ich eigentlich die unbestimmten Pluralformen für die Bewohner der Planeten verwandt hatte, aber was soll's? Alhmáyy!

Der junge Mann blickt sich suchend um.

"Wann kommt denn unsere Fähre zu deinem geheimnisumwitterten Heimatplaneten, werte Zauberin dunkler Künste?"

Ay jéesha, Ich blicke genervt zum grellgelben Himmel der A'licadja.

"Die Scírella wird in wenigen nínainy aufsetzen."

(Eine nínain entspricht ca. 75.0258 Sekunden TZ.)

Und wirklich! Der schnittige Gleiter schwebt bald darauf ein. Außer Vérryth und mir geht noch eine orangegekleidete Frau an Bord, deren Gürtel die Insignien einer dérasthérys zeigt, also einer Priesterin der höheren zweiten Stufe.

(Auch wenn mir die Bezeichnung 'Priesterin' irgendwie nicht paßt. Aber 'Eingeweihte' klingt genauso blöd. Immer dieser Ärger mit der terranischen Sprache!)

"Seid gegrüßt, veyrán dérasthérys", sage ich formell. Die Amyshica neigt kurz den Kopf, um meinen höheren Rang anzuerkennen und erwidert dann: "Auch Ihr seid gegrüßt, veyrán asthérys." Sie stellt sich mir als L'éhain sha C'éridhain vor -- für Vérryth also Leia deKerrydaine. Wir unterhalten uns ein Weilchen über Belanglosigkeiten, und Vérryth kann einfach seine Augen nicht von L'éhain lösen. Tsayée.

"Wann wirst du die Priesterschaft der dritten Stufe erhalten?" erkundige ich mit einer Kopfbewegung auf ihren Gürtel hin.

(Natürlich sage ich nicht 'Priesterschaft der 3. Stufe' zu L'éhain, aber ihr Außenweltler wüßtet sonst überhaupt nicht mehr, worum es hier geht.)

"Jee... Meine Prüfung steht ganz kurz bevor. In wenigen Díshainy werde ich das Große Muster alleine in meinen Händen halten dürfen!)

(Eine Díshain entspricht 26.05 Terra-Stunden.)

"Dann halte das Muster und träume das Universum, dérasthérys L'éhain! Ich werde deinen Traum in die Unendlichkeit begleiten."

"Dafür danke ich dir, M'árghain." Sie mustert den Marsianer kritisch. "Warum hast du es eigentlich diesem alhmáyo erlaubt, dich zur Amyshica zu begleiten? Es ist seit M'arhlynh vy N'ámvhue verboten!"

"Ayée, L'éhain, du weißt doch, welchen Unsinn man in Außenwelt über uns erzählt. Vérryth Y'Cárrhyn ist ein Reporter, und er will versuchen, endlich einmal einen wahrheitsgetreuen Bericht über die Innere Welt der Amyshica zu verfassen."

"Ay, wenn das die Hohe Rätin V'árhain sha N'ynhain erfährt!"

"Vergiß nicht, daß auch ich im Rat bin. Außerdem ist der Hohe Rat C'ayvhedo vy N'ámvhue, der erklärte Gegner der V'árhain, mein dhévho!" Ein belustigtes Lächeln huscht über L'éhains ebenmäßiges Gesicht.

"Nun, das erklärt einiges. M'árghain, auch ich werde deinen Traum begleiten."

"Und ich danke dir dafür, L'éhain sha C'éridhain." Stirnrunzelnd betrachtet Vérryth mich. Dieser Blick! Er scheint eifersüchtig zu sein. Ist mir egal. Mein Typ ist er jedenfalls nicht. Zumindest nicht auf Dauer.

"Entschuldigen Sie, Leia, wird Ihre Prüfung schwierig sein?"

"Nicht schwierig, Außenweltler, sondern entscheidend. Ich bekomme das Große Muster des Universums in meine Hände gelegt. Entweder bin ich in der Lage, es zu halten, oder ich mache einen erzwungenen Transfer durch, und mein sâtsho wird sich in die leylenée einreihen."

"Und was bedeutet das?"

"Wenn mein ...Bewußtsein in das Große Muster eingeht, werde ich meinen physischen Körper verlieren."

"Aber das bedeutete ja, daß Sie sterben würden! Das ist doch barbarisch!" empört der Marsianer sich.

"Weshalb barbarisch? Ich bin 21 rávainy (etwa 15.6 Jahre TZ) für diesen Augenblick ausgebildet worden, der die Meisterschaft über den Geist in diesem Körper bedeutet. Ich werde das Große Muster halten. Selbst wenn ich den Transfer vorzeitig mache, kann ich in ein paar aldainy (einige 1000 Terra-Jahre) wieder zurückkehren oder ganz in die Reihen der asháry-vhaúny, der Wahren Weisen der Amyshicy eingehen. Ich habe noch eine verschwommene Erinnerung an die Zeit der sattâvha, als ich zu den Wahren Wächtern gehörte, und ich weiß, daß ich schon bald zu ihnen zurückgehen werde, wie auch jede/r andere der zur Zeit stofflichen Amyshicy."

"Ähm..." Frau sieht es Vérryth an, daß er nicht ein Wort richtig verstanden hat. Er schüttelt den Kopf und winkt ab.

"Alle Schiffer der Marskanäle, das mußt du mir bei Gelegenheit noch einmal in aller Ruhe erklären, Morgaine."

-- To Be Continued --


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